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13. Juli 2025Die charismatische Patti Smith verzückt Berlin und hat eine klare Botschaft
von Wolfgang Buchholz
Für welche Künstler fährt man von Rinkerode bei Münster nach Berlin zu einem Konzert? Ticket, Zugfahrt, Hotelübernachtung und zwei Tage „on the road“ plant man ein, um sich diese Künstler nicht entgehen zu lassen. Also ich mache das uneingeschränkt für Patti Smith und nach dem Konzert kann ich nur sagen: Völlig zurecht.
Patti Smith als „Role-Model“
Rückblick: 1979, Rockpalast-Festival, Grugahalle Essen, „So you wanna be a Rock’n’Roll Star“? Das war der Eröffnungssong der Patti Smith Group bei der WDR Rocknacht, die ich gebannt vor dem Fernsehschirm verfolge. Ja, wir wollten auch Rock’n‘Roll Stars sein. Wir waren 15 und Patti Smith zeigte uns, wie das geht. Einfach machen, perfekt sein braucht niemand. Sie war das „Role-Model“ schlechthin, sie hatte eine eigene Band, die ihren Namen trug, das hatte keiner von den Jungs, die ich damals sonst so verehrte, kein David Byrne, kein Sting, vielleicht noch Elvis Costello. Ich war sowas von beeindruckt.
Nah am Wasser gebaut
23 Jahre später, im Jahr 2002, sah ich sie in Jena bei einem Konzert, was bis dato mein Lieblingskonzert überhaupt ist, ein Parforceritt von „Frederick“ bis „Rock’n’Roll Nigger“. Und seltsamerweise, weitere 23 Jahre später, steht die heute 78jährige Patti Smith auf der Bühne der Zitadelle in Spandau und ich ganz weit vorne im Publikum. Was ist das nach wie vor für eine charismatische Frau, welch eine Aura strahlt sie aus. Lächelnd und den Zuschauern zuwinkend eröffnet sie das Set wie zwei Tage vorher in Hamburg (Sounds & Books berichtete) mit „Redondo Beach“ von ihrem ersten Album. Zugegebenermaßen bin ich „nah am Wasser gebaut“. Mir stehen schon jetzt die Tränen in den Augen und das soll heute noch häufiger vorkommen. Niemand fesselt mich emotional bei einem Konzert mehr als Patti Smith.
Patti Smith und ihre Band
Von der alten Patti Smith Group ist keiner mehr dabei. Keyboarder und Bassist Tony Shanahan spielt seit Mitte der 90er in Smiths Band. Er ist so etwas wie der Musical Director des Abends, der seiner Chefin, z.B. bei „Beneath The Southern Cross“, nochmal schnell die Griffe auf der Gitarre zeigt. Die wird ansonsten von Patti Smiths Sohn Jackson gespielt. Am Schlagzeug sitzt Seb Roachford, bei einigen Songs unterstützt ein Roadie. Die Setlist ist bunt gemischt und birgt die eine oder andere Überraschung. Die Band spielt wunderbare Versionen von „1959“, „Cash“ oder „Peaceable Kingdom“. Sehr schön ist auch das Charlotte-Day-Wilson-Lied „Work“.
Mein Höhepunkt ist das Cover „Bullet With Butterfly Wings“ von den Smashing Pumpkins, das Smith und ihre Band heute wohl zum ersten Mal spielen. Den Einstieg mit „The world is a vampyr“ muss sie ein zweites Mal anstimmen, völlig egal. Der Song passt sowas von gut in das Programm und begeistert nicht nur mich. „Then someone will say what is lost can never be saved, Despite all my rage I am still just a rat in a cage.“ Wie immer fesselt Patti auch mit Spoken-Word-Passagen, z.B. bei „Spell“, ein mit Musik unterlegter Auszug aus Alan Ginsbergs Gedicht „Howl“.
Die Botschaft
Patti Smith steht nicht nur für Musik, Platten veröffentlicht hat sie schon länger nicht mehr. Sie hat eine klare Botschaft, für die Schwachen, für die Natur und für das Leben. Sie nennt keine Namen, aber alle hier wissen, wer für sie die Guten und wer die Bösen sind. Sie hat eine klare Haltung und das ist in diesen Zeiten so immens wichtig. Wer ein Vorbild sucht, ich hätte eine Idee. Die Zitadelle ist ausverkauft, das Publikum ist bunt gemischt. Es sind viele junge Frauen hier, man sieht: Patti Smiths Botschaft kommt auch heute noch an. Das Konzert endet mit den Hits „Because The Night“ und „People Have The Power“. Völlig geplättet und bei Dauerregen geht es in die Nacht in Spandau.
Noch eine kleine Geschichte zum Nachklapp: Am Nachmittag vor dem Konzert entdecke ich in einem Berliner Plattenladen eine Postkarte mit dem Konterfei von Patti Smith und kaufe sie natürlich. Das ist ein Bild der Berliner Künstlerin Gwendrix. Na, wenn das mal kein gutes Vorzeichen für einen gelungenen Abend war.
(Foto: Patti Smith, live Hamburg 2025, von Niko Schmuck)




