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13. August 2025Mit Country bringen viele rechtes Gedankengut in Verbindung. Bei Pat Carter und seiner „Left-Wing-Americana“ ist diese Sorge unbegründet.
von Werner Herpell
Dass der Kapitalismus in einer tiefen, wohl endgültigen Krise steckt, ist nicht erst jetzt in den USA mit den komplett frei drehenden Oberbonzen und Horrorclowns Donald Trump, JD Vance, Elon Musk und Peter Thiel zu besichtigen. Praktisch überall war/ist das vage Wohlstandsversprechen dieser Wirtschaftsform längst ausgehöhlt, ihre Auswirkung auf das weltweite Klima zudem katastrophal – und man muss politisch gar nicht ganz weit links stehen, um dem Kapitalismus eine gerechtere, menschenfreundlichere Nachfolge-Ideologie zu wünschen (träumen ist ja weiterhin erlaubt). Hier betritt Pat Carter mit seinem wunderbaren „Left-Wing-Americana“-Solodebüt die Bühne.
Ein gesellschaftskritischer Humanist
Die Platte heißt nicht umsonst „Love In The Time Of Capitalism“, bezieht sich also schon im Titel auf die Gegensätze zwischen der Wärme edler, echter Gefühle und der Kälte einer von allen menschlichen Werten befreiten Ellenbogengesellschaft. Songs wie das Titelstück, „Ridicule The Bourgeoisie“ oder „Big Machine“ stehen für den klar gesellschaftskritischen und dabei zutiefst humanistischen Kurs dieses tollen Singer-Songwriters. „Irgendwo zwischen Americana, Indie-Pop und Folk-Rock zeichnet ‚Big Machine‘ ein Bild von Härte, Verlorenheit und Zwängen in der spätkapitalistischen urbanen Gesellschaft, wo persönliche Verzweiflung und gesellschaftliches Versagen zusammen gehen“, heißt es nachvollziehbar in der Album-PR.
Dass dieses Album nicht nur Klagelieder enthält, die den Hörer runterziehen, ist dem melancholischen „Diskurs-Country“-Musiker Pat Carter hoch anzurechnen. Die Melodien der 13 Stücke sind nämlich vom Allerfeinsten, öffnen in ihrer luftigen Erhabenheit und Opulenz eben auch den Blick auf das Tröstliche in unserer schwierigen Gegenwart (und in einer hoffentlich helleren Zukunft). Man denkt an Tom Petty, The Barr Brothers, Uncle Tupelo, Son Volt oder The Jayhawks, gelegentlich sogar an die Singer-Songwriter-Säulenheiligen Johnny Cash, Bob Dylan und Leonard Cohen bei diesen gleichwohl sehr eigenständigen Tracks. Und mit den sehnsüchtigen, sensibelst vorgetragenen Balladen „Miranda“ und „Why Do Birds“ hat Carter auch gleich noch zwei der schönsten Folk-Songs ever aus Deutschland im Angebot.
Pat Carter begeistert und tröstet
Aus Deutschland? Kaum zu glauben, aber ja, dieser Musiker ist seit langem fest in der hiesigen Americana-Szene verankert, hat als Frontmann der Berliner Alternative-Country-Truppe Rodeo FM vier Band-Alben veröffentlicht, sich „in Punk-Kellern und auf Vernissagen, auf Hochzeiten und Beerdigungen, in Bierzelten, Weinbergen, Saloons und Nachtclubs, auf Jazz-Festivals, Symposien und Demonstrationen“ den Allerwertesten abgespielt und insgesamt Hunderte Konzerte absolviert.
Auf ihrem hohen Niveau gibt es für Rodeo FM hierzulande tatsächlich kaum Vergleichbares (diesem Schreiber fällt nur noch die superbe Karlsruher Americana-Band No Sugar, No Cream mit ihrem Songschreiber Peter Funk ein, der übrigens seinerseits bis Ende des Jahres sein Solodebüt vorlegen wird). Mit dem sehr persönlichen, stilistisch auch mal Richtung Westcoast-Pop („Here’s To You“, „Taste Of Sand“), Folk-Jazz („Barbed Wire“) oder Sixties-Soul („Gentle & Honest“) ausgreifenden ersten Werk unter eigenem Namen schreibt Carter nun ein neues, eindrucksvolles Karriere-Kapitel. Und hilft uns 53 Minuten lang über Zumutungen dieser deprimierenden „Time Of Capitalism“ hinweg. Chapeau – und Danke, Pat!
Das Album „Love In The Time Of Capitalism“ von Pat Carter erscheint am 15.08.2025 bei London Rage Records. (Beitragsbild von Katja Stempel)





