Es gehört viel Inspiration dazu, den großen Miles Davis mit einem eigenständigen Doppelalbum zu ehren. Der italienische Jazz-Virtuose Paolo Fresu macht alles richtig.
von Werner Herpell
Wenn ein Trompeter von sich behaupten kann, den Miles-Davis-Ton perfekt zu treffen, ohne den Meister lediglich zu imitieren – dann ist es der in Kürze 64 Jahre alt werdende Italiener Paolo Fresu. Und nur ein Virtuose wie dieser Sarde kann es sich leisten, die US-Jazz-Legende (1926-1991) mit einer so speziellen Tribute-Platte wie „Kind Of Miles“ zu würdigen. Denn weder interpretiert Fresu hier Eigenkompositionen von Miles Davis, noch lässt er es bei einem Nachbauen seiner „Hits“ bewenden. Das in zwei Hälften geteilte Doppelalbum („Shadows“ mit Akustik-Band, „Lights“ mit elektronischer Verstärkung) lässt dennoch den ganzen Miles vor unseren Ohren wundersam auferstehen.
Zwei Seiten: Schatten und Lichter
Auf der ersten „Kind Of Miles“-Scheibe sind es vor allem Balladen-Standards und Cool-Jazz-Stücke, die man aus der frühen Davis-Phase kennt und hier nun von Paolo Fresu (Trompete, Flügelhorn, Elektronik), Dino Rubino (Klavier), Marco Bardoscia (Kontrabass), Stefano Bagnoli (Schlagzeug), Bebo Ferra (Gitarre) und Filippo Vignato (Posaune) präsentiert bekommt. Klassiker wie „It Never Entered My Mind“ (Richard Rodgers/Lorenz Hart), „‚Round Midnight“ (Thelonious Monk) oder „Summertime“ (George & Ira Gershwin), die Miles Davis in seiner vielleicht bahnbrechendsten Phase als Jazz-Tracks unsterblich machte, unterzieht die Band einer wunderbar ausdifferenzierten, respektvollen Neuinterpretation. Aber auch eigene Stücke der Italiener im Davis-Stil jener 50er- und 60er-Jahre – „Rue Saint Denis“ (Rubino), „Back In“ (Fresu) und „Selim“ (Bardoscia) – fügen sich hervorragend in diese eher nostalgische Hommage ein.
Paolo Fresu und ein Cindy-Lauper-Cover
Während die melodieselige „Shadows“-Seite auch als ambitionierter Hintergrund-Jazz durchgehen könnte, wird es bei „Lights“ komplizierter. Hier spielen Fresu und seine Kombo – zusätzlich Federico Malaman (E-Bass, Keys) und Christian Meyer (Schlagzeug) – eigenes Material all dieser Künstler im „modernen“ Stil von Miles Davis. Da wird es auch schon mal sphärisch im Ambient-Jazz-Modus, oder groovy und funky im Seventies-Jazzrock-Sound, die Behaglichkeit vertrauter Melodien beiseite geschoben zugunsten von Experimentierlust und avantgardistisch ausufernder Spielfreude. Lediglich „Time After Time“, ein Cindy-Lauper-Cover, mit dem Miles Davis dem Mainstream-Pop der 80er seine Reverenz erwies, dürfte jedem Hörer bekannt sein – ansonsten ist „Lights“ für Fresu & Co. ein mutiger Schritt ins musikalische Neuland.
Paolo Fresu vollendet eine Trilogie
Der Titel des Doppelalbums ist natürlich von Davis‘ ikonischer Platte „Kind Of Blue“ (1959) inspiriert – für viele Kenner eine der besten (Jazz-)Platten aller Zeiten. „Kind Of Miles“ ist das dritte Theaterprojekt einer musikalischen Trilogie, die Fresu mit dem „Teatro Stabile di Bolzano“ realisierte. Zuvor war „Tempo di Chet“ dem großen Trompeter Chet Baker (1929-1988) gewidmet, „Tango Macondo“ schlug eine Brücke zwischen Sardinien und Südamerika. Das neue Fresu-Werk ist mit seiner Zweiteilung zudem auch als Hommage an Joni Mitchell gedacht, angelehnt an ihr stark vom Jazz beeinflusstes Live-Album „Shadows And Light“ (1980).
„Thanks to Miles Davis and Chet Baker that teach me how to sing“, mit diesen Worten im Booklet verbeugt sich Paolo Fresu – einer der wichtigsten, auch fleißigsten Jazz-Musiker Europas mit Dutzenden Studio- und Live-Aufnahmen, etwa im „Mare Nostrum“-Trio mit Richard Galliano und Jan Lundgren – tief vor seinen amerikanischen Idolen. „A mythical artist par excellence“ sei Davis gewesen, „a man capable of telling a recent story that goes beyond jazz and music“. Die vielleicht allzu nahe liegende Idee, einen der bedeutendsten Jazz-Musiker der Welt zu ehren, war bei Fresu jedenfalls gut aufgehoben. „Kind Of Miles“, also „irgendwie Miles“ – eine Tribute-Meisterleistung.
Das Doppelalbum „Kind Of Miles“ von Paolo Fresu ist am 17.01.2025 bei Tuk Music/edel Kultur erschienen. (Beitragsbild: Albumcover)
