Omri Boehm: Radikaler Universalismus

Omri Boehm Radikaler Universalismus Cover Propyläen Verlag

Der israelisch-deutsche Philosoph Omri Boehm gibt in seinem Buch “Radikaler Universalismus – Jenseits von Identität” einen Anstoß zur Eigeninitiative

Omri Boehm ist Associate Professor für Philosophie und Chair of the Philosophy Department an der renommierten New York School for Social Research. Der israelisch-deutsche Philosoph wagt in seinem neuen Buch die Rückbesinnung auf die Idee des Universalismus. Die liberale Demokratie, so schreibt Boehm in seinem Prolog, stecke bereits seit Jahren in der Krise. “Das Problem mit dem universalistischen Projekt der Aufklärung besteht nicht darin, dass es gescheitert ist, sondern dass man es überhaupt versucht hat”, schreibt er dort. Denn Linke wie Rechte versuchten heute, den Maßstab des abstrakten Universalismus durch eine konkrete Identität zu ersetzen: hier traditionelle Werte, dort Gender und Race. Dabei gelte der universelle Humanismus keiner der beiden Seiten mehr als Grundlage, “um ungerechte Gesetze und diskriminierende Machtstrukturen zu kritisieren und zu verändern.”

Boehm liest Kant neu

Omri Boehm Radikaler Universalismus Cover Propyläen Verlag

Omri Beohm appelliert dafür, die Idee des universellen Humanismus wieder als Kompass zu benutzen (er selbst bezeichnet ihn sogar als “Waffe”) – vor allem, weil wir aktuell in eine Epoche eintreten, in der westliche liberale Demokratie in Europa gestärkt und gleichzeitig der Aufstieg rechtsextremer Politik und ethnischer Nationalismus bekämpft werden müssen und außerdem globale Katastrophen und Migrationswellen anstehen. Um seine Position zu verdeutlichen, liest Boehm in seinem Buch drei Texte neu: die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, Immanuel Kants Essay “Was ist Aufklärung?” und die alttestamentarische Erzählung von der Opferung oder (in der jüdischen Tradition) der “Bindung Isaacs”. Indem er aufzeigt, wie diese Texte ineinandergreifen, will er ein Argument für den Universalismus entfalten und dem grassierenden Partikularismus, gewissermaßen die dunkle Seite der Identitätspolitik, den Aufwind nehmen.

Omri Boehm und die absolute “Liebe zur Menschheit”

Alles klug hergeleitet und augenöffnend geschildert. Die Hoffnung, dass diese theoretische Untersuchung der Ursprünge des Universalismus einem Praxistest unterzogen würden, also auch Antwort auf die Frage gibt, welche konkreten Schlüsse zu zeigen seien, wird jedoch nicht (oder nicht befriedigend) erfüllt. Boehms geradezu rührender Einsatz für eine globale Gesellschaft, deren Mitglieder:innen sich zu einer absoluten “Liebe zur Menschheit” verpflichten, zeigt somit zwar einerseits Wirkung, lässt auf der anderen aber wesentliche Fragen offen. Vielleicht ist das aber genau gewollt. Denn die hier geleistete Erinnerung an die Ursprünge des Gedankens können unweigerlich den Wunsch auslösen, sie fortzuführen. Statt einer Anleitung gibt es immerhin den Anstoß zur Eigeninitiative.

Omri Boehm: “Radikaler Universalismus” Propyläen Verlag bei Ullstein, Hardcover, 176 Seiten, aus dem Englischen übersetzt von Michael Adrian, 9783549100417, 22 Euro. (Beitragsbild: Buchcover)

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