Olive Schreiner: Die Geschichte einer afrikanischen Farm

Olive Schreiner: Die Geschichte einer afrikanischen Farm

Die Wiederentdeckung eines formidabel erzählten und emanzipatorischen Romans der südafrikanischen Autorin Olive Schreiner

Als „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ 1883 im Original erschien, war Olive Schreiner 28 Jahr alt und musste den Roman unter einem männlichen Pseudonym veröffentlichen. Die südafrikanische Autorin befand sich zu diesem Zeitpunkt für einige Jahre in London, wo das Buch große Aufmerksamkeit erfuhr. Zum 100-jährigen Todestag Schreiners im Dezember 2020 brachte der Manesse-Verlag diesen in Südafrika zum Klassiker avancierten Roman in einer prächtigen Neu-Übersetzung von Viola Siegemund heraus. In ihrem 1968 für eine englische Neuauflage verfassten Nachwort stellt Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ sogar in eine Reihe mit Herman Melvilles „Moby Dick“ und Emily Brontës „Sturmhöhe“, Bücher, die „die Grenzen unseres Denkens ausloten“. Zweifellos liegt Doris Lessing mit dieser Einschätzung richtig. Und: Olive Schreiner war in der emanzipatorischen Darstellung ihrer Hauptfigur Lyndall ihrer Zeit weit voraus.

Ein konventionenbrechende Protagonistin

Olive Schreiner Die Geschichte einer afrikanischen Farm Cover Manesse Verlag

Lyndall wohnt mit ihrer gleichaltrigen Cousine auf der Farm der biederen, dicklichen und etwas einfallslosen Tant‘ Sannie. Gut befreundet sind die beiden mit dem unwesentlich älteren, tagträumenden und mit Glaubensfragen hadernden Waldo, Sohn des vertrauensseligen deutschen Verwalters Otto. Ihr aller Leben verändert sich massiv, als der böswillige und niederträchtige Ire Bonaparte Blenkins auftaucht, der mit Intrigen Ottos Stellung einnimmt, sich als übler Aufseher aufspielt, nach den vermeintlichen Gütern von Tant‘ Sannie trachtet, jedoch auffliegt und vom Hof gejagt wird. In dieser Phase reift Lyndalls Charakter: „Wenn der Tag kommt und ich stark genug bin, werde ich alle hassen, die Macht haben, und allen helfen, die schwach sind.“ Sie treibt diesen Tag voran, lässt sich auf ein Internat schicken, führt den eingeschlagenen Weg einer selbstbewussten und selbstbestimmten, die Konventionen brechenden jungen Frau, die mit der für sie vorgesehenen Rolle in der Gesellschaft bricht, konsequent fort und verweigert später die Ehe selbst im schwangeren Zustand.

Biographisches, von Olive Schreiner verarbeitet

So sehr „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ vollkommen zu Recht als ein Frühwerk feministischer Literatur gefeiert werden kann, so sehr ist es auch ein formidabel erzählter, autobiographisch gefärbter Bildungs- und Entwicklungsroman, samt Drama. Zahlreiche autobiographische Details verarbeitet die als Sozialistin, Feministin und Pazifistin bekannt gewordene Olive Schreiner in der Figur ihrer Protagonistin Lyndall, teils gesellschaftlich-idealistische, teils persönlich-schmerzhafte. Neben den starken Charakterzeichnungen und dem aufklärerisch-kämpferischen Ansatz überzeugt Schreiner weiterhin mit eindrucksvollen Naturbeschreibungen und der Auseinandersetzung mit christlicher Religion als Unterdrückungsmechanismus. Ein überaus entdeckungswürdiger Roman und eine Eloge auf das Leben.

Olive Schreiner: „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“, Manesse, aus dem Englischen übersetzt von Viola Siegemund, Hardcover, 608 Seiten, 978-3-7175-2512-7, 28 Euro. (Beitragsbild: Buchcover)

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