Oded Tzur: My Prophet

Oded Tzur My Prophet Cover ECM Records

Musik zwischen den Tönen: Von klassischer indischer Musik inspiriert schaffen Oded Tzur und seine Band ergreifende Musik

von Sebastian Meißner

Oded Tzur hat sich mit seinen letzten Alben „Here Be Dragons“ (2020) und „Isabela“ (2022) – beide erschienen bei ECM Records – ein hohes Ansehen erspielt. Tzurs Spiel wurde an anderer Stelle als die Mischung aus der Fragilität von Charles Lloyd und der Expressivität von John Coltrane beschrieben. Ein ziemlich guter Vergleich. Und doch braucht es gar keine Bezugspunkte außerhalb ihrer selbst, um die Magie dieser Musik zu beschreiben. Der 40-jährige Saxofonist aus Israel, der seit Jahren in New York lebt und spielt, und seine Begleitband haben einen ergreifend ausdrucksstarken Sound gefunden, der gleichsam fragil und poetisch wie quirlig und verspielt und vor allem unverwechselbar ist.

Tatendrang und Melancholie

Oded Tzur My Prophet Cover ECM Records

Das gilt auch für „My Prophet“, dem nunmehr fünften Album von Oded Tzur als Leader. Gemeinsam mit Pianist Nitai Hershkovits, Bassist Petros Klampanis und dem neuen Schlagzeuger Cyrano Almeida erzählt Tzur diese ungemein vielschichtigen Geschichten, die auf eine kaum beschreibbare Art und Weise immer emotionalisieren. Das Album beginnt mit einem rund einminütigen Epilog, einer Art Klagegesang, den Tzur alleine vorträgt und der direkt in „Child You“ überführt. Und was ist das alleine für ein Stück!? Es zeigt ein Zusammenspiel aus überbordendem Tatendrang und tiefer Melancholie, ändert gleich mehrfach seine Dynamik, fließt, flattert, perlt und atmet. Das Stück hat keinen Boden, der festen Stand oder Absicherung bieten könnte, stattdessen spielt sich alles im oberen Bereich ab. Dort, wo es Flügel braucht.

Oded Tzur und die Mikrotonalität

Ein Ansatz, den das Quartett konsequent in seinen Stücken verfolgt. Auch „Through A Land Unsown“ oder „Renata“ funktionieren nach diesem Prinzip. Alle vier Mitglieder spielen dort oben. Vor allem Tzur und Hershkovits tun dies wie aus einer Hand. Und auch wenn sie dabei die lauten und kräftigen Ausbrüche eher als rare Markierung nutzen und überwiegend leise spielen, ist ihnen die volle Aufmerksamkeit für ihre fein ineinandergewebten Melodien jederzeit sicher. Tzur, der sich viel von klassischer indischer Musik und ihrem rhythmischen Reichtum und ihrer Mikrotonalität beeinflussen lassen hat, öffnet mit seinen Melodien Räume, die wie unbenutzt scheinen. „Meine Musik entsteht zwischen den Tönen“ sagte er kürzlich in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur. Und das klappt ganz hervorragend. Das fast elfminütige Titelstück zeigt dies besonders anschaulich.

Kleine Meisterwerke

„My Prophet“ setzt dem starken Backkatalog dieses Ausnahmespielers noch einen drauf. Es ist eine umwerfende Platte, die klingt wie keine andere neben ihr. Tzur und sein Quartett schaffen kleine Meisterwerke voller Schattierungen, deren Zauber man sich zu keiner Zeit entziehen kann.

„My Prophet erscheint am 07.06.2024 bei ECM Records. (Beitragsbild: Albumcover)

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