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2. August 2025Amerikanische Verhältnisse im Jahr 2009: Ocean Vuong schaut genau hin und schreibt ein prächtiges Gesellschaftsporträt
von Gérard Otremba
Ocean Vuong arbeitet sich – ähnlich wie in seinem 2019 veröffentlichten und ebenfalls von Sounds & Books rezensierten Debütroman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ – nach wie vor an seiner eigenen Biographie ab. Dementsprechend bleibt der 1988 in Vietnam geborene und in den USA aufgewachsene Schriftsteller zwar weiterhin in seinem Mikrokosmos, der aber stellvertretend für den, in diesem Fall unerreichbar scheinenden „American Dream“ steht. Vuongs als Briefroman verfasstes Prosa-Debüt war ja schon hinreißend, der Nachfolger kommt nun mit mehr als doppelter Seitenanzahl (über 500) daher und gerät noch umwerfender.
Kauzige Charaktere
Das Schicksal hat es mit dem 19-jährigen Hai nicht sonderlich gut gemeint. Der Krebstod seiner Oma, der Drogentot seines besten Freundes Noah, ein abgebrochenes Studium in New York, ein erfundenes in Boston, um seine Mutter zu beruhigen (aber auch ständig zu belügen), die eigene Drogenabhängigkeit. Da steht er nun im Herbst des Jahres 2009 auf der Brücke seiner heimatlichen Kleinstadt East Gladness in der Nähe von Hartford, Connecticut, und überlegt, in den Fluss zu springen. Die in der Nähe wohnende, über 80 Jahre alte Grazina hält ihn davon ab. Auf ihre Bitte hin zieht er sogar bei ihr ein und entwickelt sich zu einer Art Pfleger für sie, leidet die aus Litauen stammende Grazina an beginnender Demenz.
Gleichzeitig beginnt er einen Job im Fast-Food-Restaurant, wo der, wie sein Erfinder Ocean Voung aus Vietnam stammende Hai nicht nur Cousin Sony – benannt nach dem ersten Fernseher seines Vaters – wiedertrifft, sondern auf weitere vom Leben geschüttelte, mit einem Minimallohn auskommende Mitarbeiter prallt. Ein kleines Panoptikum an kauzigen Charakteren wie der Verschwörungstheoretikerin Maureen, oder der Marktleiterin BJ, die sich in ihrer Freizeit auf einen Wrestling-Kampf vorbereitet.
Ocean Vuong und die Suche nach Trost
Alle Figuren im neuen Roman von Ocean Voung suchen Halt, Trost und ein wenig Geborgenheit. Gestrandete in einer Welt aus Einsamkeit, Verlassenheit und Isolation. Die Voung in einem einzigen kleinen Satz vereint. Als Grazinas Krankheit – die sie häufig in ihre Kriegsvergangenheit zurückschleudert – immer schlimmer wird und Hai nach einem Besuch bei ihr im Krankenhaus reichlich verstört durch die Flure Richtung Ausgang strebt, kümmert es noch nicht einmal das Personal: „Die Krankenschwestern, beide mit dem Handy beschäftigt, sahen nicht einmal auf.“. Die zu Einsamkeit führenden, modernen Zivilisationskrankheiten führt Ocean Voung fast im Vorrübergehen auf.
Und mit solchen kleinen, aber aufmerksamen Details verblüfft Vuong immer wieder. Er schaut genau auf die Verhältnisse in den USA Ende der Nuller-Jahre und erschafft ein wunderbares Gesellschaftsporträt. Darüber hinaus skizziert Ocean Voung seine Figuren sehr liebevoll und lässt seine Sprache leichtfüßig, poetisch, dringlich, gefühlvoll und empfindsam klingen. Ein prächtiger literarischer Wälzer und sicherlich für viele ein Kandidat für die Liste der Lieblingsbücher des Jahres 2025.
Ocean Vuong: „Der Kaiser der Freude“, Hanser, übersetzt von Anne-Kristin Mittag und Nikolaus Stingl, Hardcover, 528 Seiten, 978-3-446-28274-2, 27 Euro. (Beitragsbild von Gioncarlo Valentine)





