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18. Mai 2026Der kanadische Songwriter Noah Derksen spricht mit Sounds & Book über sein neues Album „Mercy On The Skyline“
Interview von Ullrich Maurer
Noah Derksen stammt aus der Winnipeg, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Manitoba, die zwar mitten im geographischen Zentrum Nordamerikas liegt – aber weit entfernt von allem, was ein Musiker eigentlich zum Leben braucht. Insofern hat sich in Winnipeg dann eine lebendige Musik-Szene und Gemeinschaft entwickelt, die sich gegenseitig befruchtet. Insofern ist es dann nicht erstaunlich, dass Noah Derksen auf seinem neuen Album „Mercy On The Skyline“ gleich drei Duette mit befreundeten Musikerinnen zu bieten hat und im Zusammenspiel mit lokalen Musikern zu einem für seine Verhältnisse opulenten Klangbild entwickelte und sogar rockige Töne anschlägt.
Behält Noah Derksen die Kontrolle?
Hallo Noah! Wir kennen Dich ja hier in Deutschland durch Deine Konzertreisen vor allen Dingen als einfühlsamen Folkie. Auf der neuen Platte gibt es aber auch spielfreudig inszenierte Rocksongs. In der Tat klingen die Aufnahmen teils, als wären die Songs im Studio spontan entstanden.
Noah Derksen: Das waren sie auch. Wir haben die Sachen ja auch alle in einem Raum zusammen live im Studio zusammen eingespielt. Die Idee war dann die, das Gefühl einzufangen anstatt darüber nachzudenken, wie es klingen sollte oder könnte. Das Denken steht dem Handeln im Weg. Als wir uns die Aufnahmen dann anhörten, klang das ohne Nachbearbeitung schon wie das fertige Album. Das hat den Songs sehr viel mehr Dynamik verliehen und mehr Raum zum Atmen gegeben, als hätten wir sie im Schichtverfahren aufgenommen wie die letzten Alben. Ich habe aber gar nicht bewusst versucht, die Sache in eine bestimmte Richtung zu steuern.
Wieviel Kontrolle hast Du denn überhaupt über das musikalische und songwriterische Geschehen?
Noah Derksen: Es gibt ja diese Theorie, dass ein Songwriter nur ein Kanal oder eine Antenne ist, um die Songs, die im Äther herumschwirren, auffangen zu können. Mir gefällt diese Idee, weil das eine Menge Druck von Dir als Individuum nimmt, wenn Du etwas schreiben willst. Auf der anderen Seite mag ich diese Analogie auch, weil es hier um eine Fähigkeit geht, die geübt und wertgeschätzt werden will. Wenn Du Zeit und Raum nämlich nicht auf die Frequenz Deiner Antenne einstellen kannst, dann funktioniert das Ganze ja nicht. Sich hinzusetzen um etwas zu schreiben bedingt dann eben, dass man das Einstellen der Frequenz üben muss. Die Frequenz dessen zu erwischen, was gerade abgeht gibt mir dann die Sprache an die Hand, darüber zu schreiben, was gerade in meiner eigenen Welt und der Welt um mich herum passiert.
Das hat mir dann auch ermöglicht, innezuhalten und zuzuhören. Das gilt übrigens für alle Kunstformen – Bücher, Songs, Fotos, Bilder, Filme, Kochen, Lehren – sie alle vermitteln einen Schnappschuss in die Welt des Künstlers und reflektieren, was der Künstler sieht. Das mag dann zwar dieselbe Welt sein, die man selber auch wahrnimmt – aber eben aus einer leicht anderen Perspektive betrachtet.
Noah Derksen und die Szene in Winnipeg
Kannst Du uns etwas über die Zusammenarbeit mit den beteiligten Musikern – besonders die Duette mit Lori McKenna, Fontine und May Erlewine erzählen?
Noah Derksen: Es gibt in Winnipeg eine starke musikalische Community. Winnipeg ist zwar eine große Stadt mit fast 800 000 Einwohnern – aber sie fühlt sich an wie eine kleine Gemeinschaft. Winnipeg liegt mitten im Nirgendwo. In Deutschland hast Du Städte wie Stuttgart, Hamburg und Berlin die alle dicht beieinander liegen. Wenn Du aber von Winnipeg aus in die nächstgelegene Stadt ähnlicher Größe willst, bist Du neun Stunden unterwegs. Das führt dazu, dass in der Stadt ein großes Gemeinschaftsgefühl unter den Musikern herrscht – zumal die Winter brutal kalt sind und die Leute sich dann mit dem Üben ihrer Instrumente warm halten müssen. Eigentlich gibt es auf allen Songs Gaststimmen – neben Fontine, Lori McKenna und May Erlewine singen noch Dominique Adams, Mackenzie Friesen und Madeleine Roger Harmonie-Vocals.
Sie alle kommen auch aus Winnipeg. Ich wollte aber die Stimmen, die mich in besonderer Weise berühren und mich ansprechen herausstellen und habe deswegen Duette dafür gewählt. Fontine, mit der ich den Song „Walking Home“ aufgenommen habe, kommt – wie ich – auch aus Winnipeg. Ich kenne sie seit vielen Jahren als Songwriterin und Vokalistin und wollte schon lange mit ihr zusammenarbeiten, weil sie diese sehr schöne Stimme hat, die mich, wie gesagt, sehr berührt. May Erlewine ist hingegen eine Songwriterin aus Michigan über deren Album ‚The Real Thing‘ ich 2023 gestolpert war und mich sofort in ihre Stimme verliebt habe, die mir auch in besonderer Weise zusagt. Und mit Lori McKenna hatte ich schon länger ein Mal zusammenarbeiten wollen.
Musik soll berühren
Wenn Du sagst, dass Dich bestimmte Stimmen in besonderer Weise berühren – was ist dann – Deiner Meinung nach – die Funktion der begleitenden Musik?
Noah Derksen: Ich denke, dass Musik im Allgemeinen berühren sollte. Dazu ist sie bestimmt – außer dass sie Unterhaltung, Beruf oder Berufung und Kunst sein kann. So wie ich das sehe, ist die Funktion der Musik aber vor allen Dingen die, einen Raum für eine Gemeinschaft von Menschen zu bilden. Sei es ein kleiner Pub, sei es dass man um ein Feuer sitzt, sei es eine Kirche. Ich bin in einer mennonitischen Gemeinde groß geworden und das Klavier in der Kirche war immer der Ort, wo sich die Menschen versammelt haben und gemeinsam Hymnen gesungen haben – allen voran mein Großvater. Das war die ursprüngliche Entertainment-Option in der Zeit vor dem Fernsehen. Musik bedeutet für mich eine Erlösung und eine Katharsis.
Ich begann ursprünglich auf der Universität Songs als persönliche Therapie zu schreiben, um meine Gedanken, meine Emotionen und Gefühle sortieren und verarbeiten zu können. Was das Schreiben von Songs für mich bedeutet, ist etwas anderes als das, was ich aus der Musik ziehe, wenn ich performe oder Musik höre. Es geht dann darum, gesehen zu werden bzw. sich sichtbar zu machen und zu realisieren, dass man nicht die einzige Person ist, die etwas Bestimmtes fühlt oder durchlebt. Mit Musik ist man auch nie alleine. Bestimmte Alben oder Songs begleiten Dich Dein ganzes Leben lang. Sie verändern sich auch in der Bedeutung. Sie können mit Dir wachsen. Wenn ich heute ein Album höre, dass ich auch früher schon gemocht habe, dann bin ich heute ja ein anderer Mensch als damals.
Noah Derksen weiß, dass er nichts weiß
Wenn Du sagst, dass Du die Musik als persönliche Therapie siehst: Hast Du denn durch Deine Musik etwas über Dich selbst herausfinden können?
Noah Derksen: Ja, dass ich so gut wie nichts weiß. Was ich damit meine ist, dass wir als Menschen nicht besonders gut darin sind, mitzubekommen, was wirklich gerade abgeht, wenn wir es nicht selbst erforschen. Man muss dem Zeit und Raum geben, denn da passiert so viel in unserem Inneren, dass es Zeit braucht, damit umzugehen. Das ist übrigens eine tolle Frage – ob ich etwas über mich gelernt habe.
Ist es dann fair anzunehmen, dass der Song „Still Haven’t Figured It Out“ der Schlüsseltrack des Albums ist?
Noah Derksen: Das ist lustig – weil ich diesen Song ursprünglich gar nicht aufnehmen wollte und er es deshalb fast nicht auf das Album geschafft hatte. Mein Produzent Murray Pulver sagte aber, dass der Song ihm etwas bedeute. Er hat mich dazu gebracht, ihn auf die Scheibe zu nehmen. Es ist ja auch ein cooler Song. Es geht aber darin eigentlich um eine Beziehung, die sich im Laufe der Zeit verändert und ich spreche dann davon, dass ich noch nicht herausgefunden habe, wie die ganze Sache abläuft. Aber vielleicht markiert das ja tatsächlich auch meine Beziehung zur Musik.
Musik ist immer für mich da, aber ich habe noch nicht herausgefunden, wie sie eigentlich funktioniert, und das ist OK und macht auch Spaß, denn wenn etwas zu sehr festgeschrieben ist, dann verliert es ja auch seinen Charme und seine Magie. Tatsächlich habe ich ja herausgefunden, dass ich nicht weiß, wie es funktioniert. Hast Du es denn herausgefunden? Hast Du einen Ratschlag?
Nicht wirklich. Ich denke, es ist einfach am Besten, offen für alles zu sein, weiterzumachen und interessiert in die Zukunft zu schauen.
Noah Derksen: Ja, das ist eine Unterhaltung, die ich in letzter Zeit auch oft mit Musikern führe: Wenn man sich entschieden hat, die Musik als Karriere zu betrachten, dann kann das die künstlerische Vision ganz stark zerstören. Aber alle, mit denen ich mich unterhalten habe, vor Allem die, die schon etwas länger dabei sind, schätzen den Prozess als solchen und sie machen immer weiter. Brad Barr von den Barr Brothers hat mir zum Beispiel gesagt, dass es für ihn alles viel einfacher geworden sei, als er realisierte, dass Musik eine Art von Heilmittel für ihn sei und er sich als Heiler in seiner Gemeinschaft sehe. Die ganzen Karriereoptionen und alles was damit zusammenhängt, seien für damit unwichtig geworden.
Ich denke noch über diese Aussage nach, aber meine Aufgabe als Musiker ist es gewiss nicht, Spotify-Streams zu generieren oder Tickets zu verkaufen. Meine Ziel als Musiker ist etwas Größeres – eine Art Erlösung, eine Form der Therapie aber auch das Teilen mit anderen Menschen und Menschen zusammenzubringen und klar zu machen, dass wir alle im selben Boot sitzen. Die Aufgabe des Musikers ist es, diese Dinge zu erforschen – und nicht ein bestimmtes Ziel im Sinn zu haben. Der Weg ist das Ziel – und ja: Sei neugierig auf das Leben.
Was Noah Derksen antreibt
Was ist es denn, was Dich überhaupt antreibt, selber Musik zu machen?
Noah Derksen: Die treibende Kraft hinter meinem Songwriting ist gewiss dieser innere Drang, verarbeiten und erforschen zu müssen, was in meinem Inneren passiert. Ich habe schon das Gefühl, dass die Texte und das Spielen mit den Worten wirklich schöne Aspekte des Songwritings sind. Es ist ganz interessant: Ich habe neulich angefangen, Französisch zu lernen – und hoffe, demnächst auch Songs auf Französisch zu schreiben – worauf ich aber hinaus will, ist dass mir aufgefallen ist, dass man auch mit einem limitierten Vokabular mit nur wenigen Worten kommunizieren kann. Das hat mich in Bezug auf das Songwriting gelehrt, dass oft die einfachsten Songs die schönsten sind. Auch wenn die wenigen Worte, die man verwendet. vielleicht gar nicht so poetisch sind, macht gerade die Einfachheit die Sache insgesamt poetisch. Es geht ja vor allem darum, die Emotionen zu finden und zu vermitteln.
Emotionen sind wichtiger als die Sprache
Das hilft ja bestimmt auch, wenn man dem Publikum auf der Bühne gegenüber tritt, oder?
Noah Derksen: Ja – und deswegen toure ich übrigens gerne in Europa und Deutschland. Einfach deshalb, weil ich das Gefühl habe, dass die Leute meine Musik hier besser verstehen, als zu Hause in Kanada – obwohl die Muttersprache ja eine andere ist. Die Leute sprechen hier zwar gut Englisch – aber eben nicht als Muttersprache. Es kommt dann gar nicht darauf an, dass sie alle Nuancen meiner der Sprache verstehen oder erkennen, sondern dass die Kommunikation stattdessen über die vermittelten Emotionen funktioniert. Und die Leute hören hier auch einfach besser zu. Ich weiß nicht, ob das ein kultureller Aspekt ist, oder einfach die Bereitschaft auf Details zu achten.
Das Album „Mercy On The Skyline“ erscheint am 22.05.2026 via AWAL. Eine Tour ist für den Herbst angedacht. Weitere Informationen sind auf der Homepage des Musikers erhältlich. (Beitragsbild von Jörg Horn)




