Nick Cave And The Bad Seeds live in Berlin 2024

Nick Cave & The Bad Seeds live Berlin Waldbühne 2022 by Gérard Otremba Sounds & Books

Zwischen Ekstase und Leid: Zweiter Abend für Nick Cave And The Bad Seeds in der Uber Arena in Berlin

von Gérard Otremba

Wer hätte das 1999 gedacht? Als Nick Cave im Juli beim Mainzer Zeltfestival ein berührendes Solo-Konzert am Piano gab. Dass er 25 Jahre später die größte Halle Berlins zweimal nacheinander mit den Bad Seeds bespielen würde. Dass etliche seiner Fans unbedingt in die erste Reihe müssen, um Caves Hände so häufig und so lange wie möglich zu drücken. Indie-Kultstatus genoss der 1957 in Australien geborene Songwriter schon damals. In der Zwischenzeit also auch der ganz große Ruhm, der ihm 2024 zwei Konzerte in der Uber Arena ermöglichte. Nach dem ausverkauften Konzert am Sonntag, folgte am 30.09. der zweite Gig, zu dem immer noch gut 10 000 Gäste kamen, um die Präsentation der Songs seines aktuellen, von Sounds & Boooks rezensierten und auf Platz 2 der deutschen Charts gekletterten Albums „Wild God“ zu erleben.

Die neue Nahbarkeit von Nick Cave

Und selbstverständlich war auch dieser Auftritt ein Erlebnis höchster Güte. Wer seine Alben und Konzerte in den letzten Jahren verfolgt hat, weiß um den Popularitätsschwung des von privaten Schicksalsschlägen gebeutelten Musikers und seiner veränderten Rolle auf der Bühne. Die neue Nahbarkeit zementierte Nick Cave 2017 in der Hamburger Sporthalle (Sounds & Books berichtete), wo er weibliche Fans für die Zugaben auf die Bühne holte und erreichte ihren vorläufigen Höhepunkt 2022 in der Berliner Waldbühne (Sounds & Books berichtete), als Cave fast das ganze Konzert auf dem kleinen Steg vor der ersten Reihe verbrachte. Genau dort machte dieser außerordentlich charismatische Sänger und Songwriter in der Uber Arena weiter. Gefühlt fielen seine Handshakes noch inniger aus als vor zwei Jahren. Cave ließ sich sogar das Mikro von Fans halten und schrieb Autogramme auf Arme.

Ekstase und Leid

Vom ersten Song „Frogs“ an versprühte er einmal mehr die größtmögliche Intensität. Programm und Darbietung ähnlich überwältigend wie vor zwei Jahren in der Waldbühne, nur diesmal mit etlichen „Wild God“-Songs. Im Prinzip spielt die Auswahl der Songs bei einem Nick-Cave-Konzert gar keine so große Rolle, es folgt trotzdem ein Höhepunkt auf den nächsten. Vom neuen Material ließen, nicht unerwartet, „Wild God“ und „Conversion“ die Halle erbeben, während bei „Song Of The Lake“ und „Long Dark Night“ die melancholische Anmut Einzug in der Uber Arena, die für eine Multifunktionshalle über einen hervorragenden Sound verfügte, hielt. Die sechsköpfige Bad-Seeds-Band wurde wiederum durch einen Gospel-Chor erweitert, und wieder lagen Ekstase und Leid manchmal nur einen Bruchteil voneinander entfernt.

„Tupelo“ widmete Cave dem am Sonntag verstorbenen Kollegen Kris Kristofferson, und bei „O Wow O Wow (How Beautiful She Is)“ gedachte er nicht nur textlich seiner ehemaligen Partnerin Anita Lane, sondern ließ zusätzlich noch eine Bild/Filmsequenz als Erinerung an die ebenfalls Verstorbene auf die Leinwände projizieren.

Nick Cave und Berlin

Natürlich war der der Bezug zu seiner alten Wahlheimat Berlin allgegenwärtig. Cave erinnerte sich an die Dresdner Straße in Kreuzberg, wo er „The Mercy Seat“ schrieb („It’s your fault“ so seine weitere Ansage) und dass er „Papa Won’t Leave You, Henry“ ebenfalls in Berlin einst als Wiegenlied für sein Kind komponierte. Zu einem frühen Zeitpunkt auf der Setlist „From Her To Eternity“ auf „Jubilee Street“ folgen zu lassen, glich einem Geniestreich. Nicht nur hier überschüttete er seine Fans an diesem glorreichen Abend mit Glückshormonen. Von den zahlreichen Highlights („Red Right Hand“!) stach noch „Henry Lee“ heraus, das Cave mit Sängerin Janet Ramus sang, die die Rolle von PJ Harvey mit voluminöser Blues-Soul-Stimme interpretierte. Ein Wahnsinn.

Traurig und feierlich

Ein Wahnsinn auch, mit welcher Energie der 67-jährige Schlaks das exakt zweieinhalb Stunden dauernde Konzert füllte. Am Ende das immer noch tausend Tränen tiefe „Into My Arms“ und als Ausklang das kurze, aber feierliche „And The Waters Cover The Sea“. Sicherlich ganz weit vorne in der Jahresliste mit den Konzerten des Jahres. Weitere Auftritte in Deutschland folgen am 08.10. in Hamburg (Barclays Arena) sowie am 18.10. in München (Olympiahalle).

(Beitragsbild: Nick Cave, live am 29.06.2022, Waldbühne, Berlin, by Gérard Otremba)

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