Neil Young & Crazy Horse: Americana

Neil Young & Crazy Horse: Americana

Eine typische wie grandiose Neil Young & Crazy Horse-Platte

von Gérard Otremba

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Wer, wenn nicht Neil Young? Der Mann, der den Begriff „Americana“ prägte, mit Inhalten versah und gestaltete, lange bevor dieser den Weg in den musikalischen Bedeutungskanon fand, nennt sein neues Album „Americana“. Ein konsequenter Weg, den der gebürtige Kanadier geht. Der 66-jährige Wahlamerikaner holt für sein neues Album wieder mal die alten Recken von Crazy Horse mit an Bord.

Der typische Neil Young & Crazy Horse-Garagen-Poltersound

Mit Bassist Billy Talbot und Drummer Ralph Molina spielte Neil Young bereits 1969 das großartige „Everybody Knows This Is Nowhere“ ein. Der wenige Jahre später verstorbene Gitarrist Danny Whitten wurde Mitte der 70er durch Frank „Poncho“ Sampedro ersetzt, und mit diesem Trio im Rücken gelangen Young weitere Meilensteine wie „Zuma“, „Rust Never Sleeps“, „Ragged Glory“ oder „Sleep With Angels“. Und Songs wie „Down By The River“, „Cowgirl In The Sand“, „Cortez The Killer“, „Like A Hurricane“, oder „Powderfinger” und „Hey Hey, My My“ haben schlichtweg Rockgeschichte geschrieben. Für sein 33. Studioalbum hat Neil Young tief in die amerikanische Schatztruhe gegriffen und sich ältere Traditionals zur Bearbeitung vorgeknüpft. Leider also keine „neuen“ Songs von Neil Young, aber das Wühlen in der amerikanischen Tradition ist natürlich nur folgerichtig. Außerdem vereinnahmt Neil Young diese alten Folk-Standards und läßt sie wie neue Young & Crazy Horse-Songs erklingen.

Alte Protest-Songs und Mörder-Balladen neu arrangiert

So ziehen die Tracks wieder nach Westen, Neil Young jedoch scheint immer schon da gewesen zu sein. Das typische Young- und Sampedro-Gitarrengegniedel beginnt mit „Oh Susannah“, die Drums poltern wie eh und je, der Bass schreitet voran, die Backgroundchöre schwelgen, es ist mal wieder alles so schön unperfekt und rootslastig, was Crazy Horse uns anbieten. Klar, Garagenband, und genau so sollen die verrückten Pferde ja auch klingen. „Clementine“ dann noch ein wenig straighter, „Tom Dula“ elegischer und „Gallows Pole“ lustiger als die Led Zeppelin-Version. Bei „Get A Job“ treffen Young und Crazy Horse auf den Rock’n’Roll und R&B der End-50er und „Travel On“ klingt wie ein Adept eines Johnny Cash-Songs, euphorischer Rockabilly der Marke Crazy Horse. Elegischer wiederum „High Flyin` Bird“, während „Jesus‘ Chariot“ entfesselt vorwärts getrieben wird. „This Land Is Your Land“ erhält einen saloppen Country-Twang, begleitet von überbordenden Chören. Ganz zart und düster dagegen die akustische Folk-Ballade „Wayfarin‘ Stranger“, bevor Young für „God Save The Queen“ das nötige Pathos schwingt.

Neil Youngs Statement zur Lage der Nation

Neil Young & Crazy Horse gelingt mit „Americana“ eine wunderbare neue Platte, zudem ein pointiertes Statement zur Lage der Nation. Dafür benötigt Young keine neuen Texte und es hat etwas geradezu Geniales und Subversives, ausgerechnet jetzt alte Protest-Songs und Mörder-Balladen neu arrangiert auf den Markt zu bringen. Neil Young war schon immer bemüht, Amerika ein altes Antlitz zu verleihen, Ursprünge nicht zu vergessen und mit „Americana“ ist es ihm eindrucksvoll gelungen.

„Americana“ von Neil Young & Crazy Horse ist am 1.6.2012 bei Warner erschienen.

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