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19. Juni 2026Die Hinterfragung der Welt und sich selbst: Navid Kermani gelingt mit „Sommer 24“ ein kurzer Roman mit großer Wirkung.
von Gérard Otremba
Der Zustand der Welt im Jahr 2024 und Navid Kermani mittendrin. Wie bekannt, zeigte sich die Welt vor zwei Jahren in keiner guten Verfassung (besser geworden ist seitdem allerdings auch nichts). Navid Kermani greift in seinem als Roman bezeichneten, sehr schmalen Buch zahlreiche gesellschaftspolitische und persönliche Themen auf, die er, wie gewohnt, klug und eloquent miteinander verwebt. Gleichzeitig lotet der 1967 geborene Schriftsteller und Publizist die Grenzen des autofiktional erzählten Romans aus. „Sommer 24“ ist gespickt von zahlreichen Verweisen auf die eigene Biographie sowie das eigene Werk. Andreas Maier hat dieses Genre mit seiner „Ortsumgehung“ auf ein neues literarisches Level gehoben, Navid Kermani gelingt dies nicht weniger spektakulär.
Navid Kermani greift zahlreiche Themen auf
Als Ausgangspunkt wählt er den Freitod des pleitegegangenen jüdischen Galeristen und Freundes Rudolf Meyer, ein Nachkomme von Holocaust-Überlebenden, der sich zuvor mit Äußerungen in die Nähe der AfD begab, sich aber nach wie als einen Linken versteht und den der Ich-Erzähler des Romans am dessen letzten Abend vor dem Ableben besucht. Und zu verstehen versucht, inwieweit Meyer nur provozieren möchte, oder sich die moralischen Parameter in Krisenzeiten verschieben und vielleicht sogar aus den Fugen geraten. Kermani greift zahlreiche aktuelle Themen auf: Ukraine-Krieg, der Wahlkampf in den USA mit Donald Trump als aussichtsreichen Kandidaten, der Gaza-Krieg, die Lage in Nahost, Bürgerkrieg im Sudan. „Sommer 24“ entpuppt sich als ein Buch des Nachdenkens, der Reflexion, der Selbsthinterfragung. Die im vielleicht wichtigsten Strang des Romans auf die Spitze getrieben wird.
Mächtig viel Stoff
Vor vielen Jahren begegnete der Ich-Erzähler Navid einer jungen Frau, von ihm „Julia“ genannt, in einer Kneipe, die ihm unter Einfluss von Alkohol und anderen Drogen von ihrer Vergewaltigung erzählte, ohne zu wissen, dass sie es um einem Autor handelte. Der Schriftsteller indes verarbeitete die Story verfremdet in einem seiner Werke, erhielt durchgehend positive Reaktionen, sieht sich aber nun, nachdem „Julia“ die Geschichte irgendwann zu lesen bekam, mit einem Brief von ihr konfrontiert, in dem „Julia“ dem Autor vorwirft, mit dessen Text ein zweites Mal vergewaltigt worden zu sein. Im Zuge der Geschehnisse um Collin Fernandez wird der Roman hier sogar von der Zeitgeschichte eingeholt und erfährt ungeplante aktuelle Brisanz. Für den Erzähler starker Tobak, empfindet er sich seit der Zeit von Petra Kelly von den Grünen als Feminist.
Das stete Hinterfragen des eigenen Denkens, der eigenen Ansichten in einer sich rasch wandelnden Zeit treibt den Erzähler und somit den Roman immer wieder an. Mächtig viel Stoff also in „Sommer 24“, den Navid Kermani auf engem Raum verdichtet. Mithin ein harter und nachhallender Stoff. Kurzer Roman, lange Wirkung.
Navid Kermani: „Sommer 24“, Hanser, Hardcover, 160 Seiten, 978-3-446-28576-7, 23 Euro. (Beitragsbild von Peter-Andreas Hassiepen)
Das Buch ist über das Genialokal-Partnerprogramm von S&B erhältlich.





