MS Dockville 2018: Wider den Genre-Grenzen

MS Dockville 2018: Wider den Genre-Grenzen

Das MS Dockville Festival ist mehr als die Glitzer-Welt auf Instagram

Ein Chamäleon mit viel Gitter zwischen den Augen – der Patronus des MS Dockville wäre ein bisschen albern, schön anzusehen und kann sich in jeder Umgebung einfinden. Das Wilhelmsburger Festival hat auf den ersten Blick kaum einen roten Faden. Wie ein Chamäleon verändert es sich von Act zu Act und von Stage zu Stage. Es ist ein riesiger, bunter Spielplatz zahlreicher Musikrichtungen und Kunstformen, die nur durch ihre Alternativität verbunden werden. Am Ende eines strahlend-sonnigen Wochenendes bleibt so ein Bild, das sich aus ganz vielen, ganz unterschiedlichen Mosaikbausteinen zusammensetzt.

Eine Gruppe junger Mädchen sitzt auf dem Boden vor mannshohen Schiffscontainern und schminkt sich glitzernde Halbmonde neben die Augen. Wenige Meter weiter knallen gerade braungebrannte Körper beim Pogo aufeinander. Am Vorschot wird noch verträumten Indie-Klängen gelauscht, während aus dem Künstlerdorf schon wieder dröhnende Elektro-Bässe hallen.

Jedem sein Highlight – Von Olli Schulz über Trettmann bis zu Alt-J

Sich nach dem Dockville auf allgemeingültige Highlights zu einigen, ist kaum möglich. Fragt man den HipHop-Fan war der Freitag definitiv der stärkste Tag. Schon der erste Mainstage-Act The Cool Quest sorgte mit HipHop á la Gym Class Heroes für gute Laune und eine springende Menschentraube. Genauso stark aber etwas melancholischer schloss Trettmann den Tag auf der Nachbarbühne ab. Derselbe Tag aus der Sicht eines Indie-Fans drehte sich wohl eher um Everything Everything, Bonobo und Superorganism. Begeistert konnten in der Nacht beide Fan-Gruppen in ihren Zelten verschwinden.

Am Ende des Dockvilles lässt sich nun kaum mehr von klaren Fangruppen sprechen. Den meisten Spaß konnte man schließlich mit offenen Ohren aus dem Festival ziehen. Dasselbe Publikum lauschte so am Sonntag erst gebannt auf dem staubigen Boden sitzend den Slamtexten von Elias Hirschl und Lucia Lucia, versammelte sich wenig später bei den Punkrockern von Swiss und die Andern unter „Fick die AFD“-Rufen zum Moshpit und hörte am Ende bedächtig Olli Schulz zu. Mit Offenheit und Haltung ergibt sich am Ende dann doch ein roter Faden aus all den verschiedenen Bildern des Festivals.

Werte kennen keine Genre-Grenzen beim MS Dockville

Olli Schulz springt auf einen Aufblas-Hummer und wird singend von der Menge getragen – wenig später hält er eine Schwimmweste hoch und bittet um Unterstützung für die Seenotrettung. In der Wartezeit vor dem Auftritt der Kölner Brass-Band Querbeat singt das Publikum lauthals Karnevals-Lieder – auch hier macht die Band kurz darauf Werbung für SOS Mediterranee. Egal ob die ganz lauten Töne von Swiss und die Andern oder die leisen Lieder von Olli Schulz – am Ende wurden immer Werte wie Menschlichkeit und Offenheit hochgehalten.

Wer nicht auf dem Festival ist, mag das Dockville für etwas oberflächlich halten – es drängen ja vor allen Dingen Glitzer und Sonnenuntergänge auf Instagram nach außen. Je mehr Zeit man aber auf dem Gelände verbringt, desto deutlicher wird die gesunde Offenheit des MS Dockville. Selbstverständlich geht man da zwischen den großen Bühnenshows mal bei einer Kunstführung mit oder nimmt am Radioballett teil, bei dem man über Kopfhörer Anweisungen lauscht und Teil einer Performance wird.

Offene Ohren statt Scheuklappen

Vielleicht ist manch ein Elektro-Fan gar nicht oder erst spät in der Nacht aus dem Künstlerdorf um Butterland, Yes We Can Can und Tiefland herausgekommen. Vielleicht waren einige HipHop-Fans nur den Freitag da. Vielleicht betrachteten Fans von Fink und BHZ die Musik der anderen Band nur mit einer runzelnden Stirn. Am Ende ist dieses Nebeneinander aber nicht nur eine gute Idee, sondern gibt dem Festival einen Puls. Das MS Dockville ist ein Festival, auf dem man gut und gerne eine ganze Woche Urlaub machen könnte – nur um die vielen Kleinigkeiten aus Kunst und Musik zu entdecken. Das Dockville ist ein Festival, das man mit möglichst offenen Ohren betritt und mit viel neuer Musik verlässt. (Beitragsbild: Harry Horstman)

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