Moses Pelham: Nostalgie Tape – Albumreview

Moses Pelham: Nostalgie Tape – Albumreview

Die Frankfurter Rap-Ikone Moses Pelham feiert auf seinem neuen Album das Leben und äußert sich politisch

Der Titel verrät es: Es wird zurück geschaut auf dem neuen, dem siebten oder achten (je nach Zählweise) Studio-Album der Frankfurter Rap-Ikone Moses Pelham, der seit 1989 in der Szene präsent ist und diese entscheidend prägte. Diverse Gaststars unterstützten ihn dabei: Aktuelle, kommerziell erfolgreiche Kollegen wie Marteria oder Johannes Oerding auf der einen Seite, Deutsch-Rap-Pionier:Innen wie Cora E. oder Iz (Konkret Finn) auf der anderen; sowie Kolleg:Innen aus Frankfurt, der ewig unterschätzten Perle am Main: Neben Iz noch Vega oder Namika.

Lokalpatriotismus

Auf Tracks wie „Insignia“, „Ready 2 Die“, „Bleib bitte“ oder „Was bleibt?“ blickt Pelham zurück – auf eigene wie Hip Hop-Geschichte, was im privaten wie im Rapleben früher war und wie es heute ist. Dabei genre- wie pelhamtypisch reflektierend; von etwas Hader mit sich selbst sowie jeder Menge Selbstbewusstsein, was seine Stellung im Game angeht. So weit, so bewährt: jedoch wenig außergewöhnlich. Auch der überschwängliche Lokalpatriotismus und die diversen Selbst-Zitate in Songs wie „From Frankfurt With Love“ (feat. Iz) oder „Nichts ist so schön wie Du“ (mit Namika) sind in seinem Werk nichts Besonderes, machen aber (hoffentlich) nicht nur einheimischen Gewächsen jede Menge Spaß.

Pelhams retrospektive Kompositionen

Moses Pelham Nostalgie Tape Cover RCA Sony Music

Pelhams Fans machen mit dieser Scheibe schon mal grundsätzlich nichts falsch. Einiges ist jedoch besonders erwähnenswert, wenn nicht sogar hochgradig herausragend: Zum Beispiel, dass der Gottvater des deutschen Battleraps in seinen retrospektiven Kompositionen mit modernen Beats sich nicht über andere erhebt und die Ko-Existenz illustriert mit den Nachfolgern von heute. Auf „Herz“ (2017) beschrieb Pelham bereits seine Veränderung diesbezüglich mit der Zeile „Aber ich bin jetzt Veganer und kein bisschen aggressiv“. Außergewöhnlich ist weiterhin, dass Pelham (auch wenn er es selber in diesem interessanten Interview mit Marcus Staiger anders bewertet) sich in zwei Songs mehr oder weniger politisch äußerst, in einem sogar drastisch: „Lappen Wie Du“ ist musikalisch wie reimtechnisch ein Knaller und (meines Wissens nach, korrigiert mich falls ich mich irre) die erste Ansage aus dem deutschsprachigen Hip Hop gegen Schwurbler und pro Maskenschutz.

Moses Pelham positioniert sich

Im deutschen Rap tauchte die immerhin seit 1,5 Jahren vorherrschende Pandemie nur in Spurenelementen auf, darüber hinaus eher als (verständliches) Wehklagen wegen fehlender Auftrittsmöglichkeiten. In den meisten Videos herrscht jedoch maskenfreier Hedonismus. Dass ausgerechnet Pelham, der sich in „Lappen Wie Du“ auch noch gegen die AFD, die Bild-Zeitung oder rücksichtslose Radfahrer positioniert, solche Ansagen macht ist ein persönliches, mutiges Statement gegen das Geschwafel von Kolleg:Innen und (ehemaligen?) Freunden wie Nena, Gonzo (Böhse Onkelz) oder Xavier Naidoo. Direkt angesprochen werden sie nicht, zweifelsfrei gehören sie jedoch zu den Adressaten einer Zeile wie dieser: „Lappen wie Du bedrohen grad die Welt jetzt zieh die Maske auf, Euch Lappen gehört der Strom abgestellt (und das Wasser auch)“.

Moses Pelham feiert das Leben

Außerdem beeindruckend: die Zusammenarbeit mit Marteria auf „L`chaim habibi“ („Auf das Leben, mein Schatz“ :auf hebräisch „L`chaim“ und arabisch „Habibi“). Schon der Titel taugt zum Politikum, der smoothe wie energetische Track ist darüber hinaus mehrdeutig lesbar als Feier auf das Leben und die Freundschaft, ohne die Umstände zu ignorieren, welche diese zunehmend erschweren. „The World keeps spinning round“ tönt es im melancholischen Schlusslicht „Was bleibt?“. Dinge ändern sich – mal in Nostalgie suhlen ist sehr schön, aber weiter geht’s. Oder war’s das am Ende? Hoffentlich nicht. Tolles Album von Frankfurts Finest.

„Nostalgie Tape von Moses Pelham erscheint am 03.09.2021 bei RCA / Sony Music. (Beitragsbild:Pressefoto)

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Kommentare

  • Michael Wendt

    Ich glaube nicht, das viele die These, daß Moses gegen Gonzo singt teilen.
    Man sollte, bevor man solche Thesen in die Welt setzt ausführliche Recherche betreiben…

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