Monster Magnet & Saint Agnes live in der Batschkapp, Frankfurt 2023

Monster Magnet live Frankfurt 2023 Batschkapp by Michael Thieme Sounds & Books

Ja, die 1989 in New Jersey gegründete Rockband Monster Magnet ist immer einen Besuch wert. Aber dieses Mal, Begründung folgt, geht es primär um die Vorband Saint Agnes.

Text und Fotos von Michael Thieme

Saint Agnes sind eine der unterbewertesten und aufregendsten Rock’n’Roll-Combos, die man finden kann – und das nicht erst seit Gestern. In ihrer Heimat London und drumrum rockt das Quartett, dessen Zentrum Kitty Arabella Austen (Gesang, Gitarre, Keys) sowie Jon Tufnell (Gitarre, Gesang) und vor allem ihre spürbare Chemie zueinander darstellen, bereits seit 2014/15 vor ausverkauften Häusern. In Deutschland (bzw. in Frankfurt) musste die Formation bei ihrer Headliner-Tour 2018 Resonanz-technisch weit kleinere Brötchen backen, wie ich bei einem Blind-Besuch im Frankfurter Nachtleben einmal erleben durfte.

Niemand kannte Saint Agnes vorher (ich ja auch nicht) – den wenigen Anwesenden brannte sich die Band jedoch ins Hirn. Nicht nur, dass der Auftritt trotz verständlicher

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Enttäuschung mit Bravour durchgezogen wurde, als würden die Akteure den Madison Square Garden bespaßen – völlig die Außenwelt ignorierend spielten sie sich in einen sich-selbst-genügenden Rausch, der das Erlebte noch intensiver erfahrbar machte. Für Saint Agnes war das vielleicht eine Stippvisite unter Ferner Liefen – für mich als Beobachter allerdings eines der Konzerthighlights des Jahres 2018.

Neue Saint Agnes-Platte im Juli

Veröffentlichungstechnisch kam bis zu diesem Zeitpunkt von Saint Agnes hauptsächlich kurzes Material in Form von Singles oder EPs. Dem Debüt, einem selbst-vertriebenen Live-Album (2015), folgten zwei Longplayer 2019 und 2021 – die Neuerscheinung „Bloodsuckers“ erscheint im Juli. Monster Magnet zollen Saint Agnes verdientermaßen schon länger Respekt und nahmen sie mit auf EU-Tour kurz vor Pandemie-Beginn – doch ach, der geneigte Rezensent (also ich), der voller Freude von Frankfurt nach Wiesbaden fuhr, um dieser Ausnahme-Formation zu huldigen bekam stattdessen dort den einzigen Opener-Slot der Lokalmatadore New York Wannabes zu sehen.

Nicht falsch verstehen: Das Garagen-Duo aus Darmstadt ist großartig. Sehen wollte ich aber Saint Agnes, die den Rest der Tour bestritten. Und Monster Magnet? Naja, die nahm ich gerne noch mit – sie waren jedoch eigentlich nicht der Grund meines Erscheinens. Dieses Mal ebenso nicht. Monster Magnets Live-Präsenz in europäischen Hallen ist schließlich fast schon als inflationär zu bezeichnen. Aber ist das ein Grund zur Beschwerde? Ernsthaft??

Raging Slab is in the house

Vielleicht fiebert man einem Abend mit einer kontinuierlich tourenden Band weniger entgegen als dem einer Formation, die sich eher rar macht – unterm Strich ist das allerdings äußerst unfair. Die US-Amerikaner, zu deren Besetzung inzwischen eine ehemalige Rhythm-Section der Cow-Punk-Blueser Raging Slab gehört, versteifen sich nicht auf reine Oldie-Shows, sondern präsentieren entweder neue Songs oder zumindest neue Versionen der alten Erfolge. Sie spielen, weil sie es „Müssen“ im Sinne von „Wollen“ – und jeder Abend macht deswegen mehr Laune als ein Stadion-Konzert einer großen Kapelle, die sich nur alle paar Jahre dazu herablässt, uns für viel Geld mit ihrer Anwesenheit zu beglücken. Dasselbe gilt im Übrigen für Danko Jones. Zu denken, „Ich lass das mal mit dem Konzertbesuch; hatte ich schon so oft“ ist für Rock’n’Roll-Fans ein kapitaler Fehler, geht es um Gestalten wie Danko oder das Quintett aus New Jersey.

Mordsspaß bei Monster Magnet

Damit nehme ich vorweg, dass ich trotz der Tatsache, hauptsächlich wegen Saint Agnes die Batschkapp besucht zu haben, einen Heidenspaß bei Monster Magnet hatte. Rockmusik hat generell ja gerade ein nachvollziehbares Tief in der Rezeption –  das zeigt sich beim Machtmissbrauch einer mega-bekannten Band über Aufarbeitungen über das Pseudorebellentum gitarrenschwingender männlicher Menschen generell. Interessanter wie treffender Text dazu hier. Das alles im Hinterkopf konnte man fast ein schlechtes Gewissen entwickeln unter all den Gestalten im Publikum, die hauptsächlich männlich waren und ein bestimmtes Alter erreicht haben. Wie viele von denen haben nach den Vorwürfen der letzten Wochen aktiv dafür gesorgt, dass Rammstein mit ihrem Backkatalog die deutschen Charts dominieren?

Also auf die Vorwürfe der Frauen scheißen und stattdessen eine beispiellose Solidaritätswelle lostreten mit männlichem Missbrauch? Das kann einem den Genuss von Rockmusik schon vergällen, so ganz allgemein. Doch dann erlebt man Kitty Arabella Austen von Saint Agnes on stage, Frontmensch vom Derbsten, und denkt/hofft: es kann auch anders gehen mit der geliebten Musik. Wobei Saint Agnes fünf Jahre später als in dem erwähnten Bericht in FFM nicht mehr so klingen wie zuvor: was von mir 2018 in die Garage-Rock-Kiste gepackt wurde, klingt 2023 eher wie New Metal und vor allem Crossover. Also 90ies-Kram; hart rockend mit Rap-affinen Einsätzen. Kann man machen, wenn man so auf die Kacke haut wie Saint Agnes und in 45 Minuten nur offene Münder hinterlässt. Am Ende erschien Kitty Arabella Austen sichtlich gerührt ob des Zuspruchs. Bitte bald als Headliner wieder kommen.

Hawkwind is in the house bei Monster Magnet

Dass Monster Magnet ihren  knapp 1,5 Stunden langen Set mit einem Hawkwind-Cover beginnen („Born To Go“) und mit einem Robert Calvert (ex-Hawkwind)-Song beschließen („The Right Stuff“), schließt einen Kreis um alles, was Rockmusik halt einfach geil macht, selbst wenn man(n) alle Kritik daran anerkennen muss. Die breiten Jungs, die sich in Shirts von Mist-Bands wie Pantera kurz vor Beginn des Headliner-Auftritts vor die Bühne bewegen – wissend um ihre Wirkung und dass es immer funktioniert, dass sie stressfrei Anderen den Platz streitig machen, die dort bereits seit Stunden verharren – sie sind ein Problem, dass viel zu lange als unabdingbar wahrgenommen wurde im Zusammenhang mit dem Besuch einer Rockshow. Reflexion darüber, warum die wenigen anwesenden Frauen deswegen dort ebenso wie die weniger krawallbereiten Männer zurück weichen, tut Not.

Und doch: „Spacelord – Motherfucker“ mitgrölen zu dürfen bei einer Setlist, die sich neben den Hawkwind- Songs auf die größten „Hits“ der Rocker aus New Jersey konzentrierte und eine ausverkaufte, sprich volle Atmosphäre generierende Halle provozierte (indem die Halle mit einem Vorhang geteilt wurde) war mal wieder ziemlich geil. Literally, wie es heute oft heißt. „Fett“, würde ich ergänzen.  Dave Wyndorf von Monster Magnet hat mit seinen Mitstreitern mal wieder 1,5 Stunden lang geliefert, wie krasserweise eigentlich immer. Trotz diverser gesundheitlicher Probleme in der Vergangenheit. Rock-Fans: Hier haben wir zwei Formationen, die den Besuch sowie den Plattenkauf lohnen, weil sie infiziert sind vom Rock’n’Roll und das Ganze nicht faken. Gönnt Euch. Es lohnt sich.

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