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9. April 2026Kann man vom traurigen Schicksal eines gescheiterten Hitler-Attentäters mit einem Folkpop-Album erzählen? Ja, wenn man die Klasse von Michael Moravek hat.
von Werner Herpell
„Mit dem Scheitern seiner Tat nahm das Leben Georg Elsers einen Verlauf, der an eine griechische Tragödie erinnert. In seiner Geschichte begegnet man unweigerlich sich selbst.“ Das schreibt Michael Moravek, dieser bei Sounds & Books schon früh (und dann immer wieder) hochgelobte Singer-Songwriter aus Ravensburg am Bodensee, als Anmerkung zu seinem neuen Album. Man kämpft schon beim Lesen dieser beiden Sätze zum ersten Mal gegen den Kloß im Hals an. Und so geht es berührend weiter, wenn man die elf Stücke von „Georg“ hört, Moraveks vielleicht bester, ganz sicher aber wichtigster Platte.
Nach mehreren Filmen nun ein Elser-Album
Denn der Endfünfziger erzählt hier zusammen mit seiner Langzeit-Band Electric Traveling Show von einem im Nachkriegs-Deutschland zeitweise (vermutlich ganz bewusst) vergessenen Widerstandshelden, dem Schreiner Georg Elser (1903-1945), der 1939 versuchte, Adolf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller mit einer selbstgebastelten Bombe zu töten. Auf Hitlers persönlichen Befehl wurde der mit dem Attentat und dem Tyrannenmord knapp gescheiterte Süddeutsche kurz vor Kriegsende nach langer Leidenszeit im KZ Dachau per Genickschuss getötet. Ein historischer Stoff, der in mehreren Filmen gewürdigt wurde, von denen der letzte von 2015, mit einem herausragenden Christian Friedel in der Titelrolle, wohl der beste ist.
Ein Stoff aber auch, der mit Klischees und Kitsch, mit krampfhaften Versuchen einer Modernisierung beschädigt werden könnte. Nichts davon bei Michael Moraveks „Georg“, einem Album, das bei aller zauberhaften Folkpop-Melancholie der Melodien und bei aller eloquenten Ernsthaftigkeit der Texte doch stets den Menschen Elser – und oft, auf sehr zarte, stets angemessene Weise, seine Gefühle – ins Zentrum stellt.
„Menschliche Eigenschaften im Vordergrund“
Klar, man erkennt Parallelen zur Gegenwart, man denkt heutige totalitäre Tendenzen mit, wenn man diese Lieder hört. Doch letztlich gelingt Moravek das Kunststück, vor allem ein so individuelles wie zeitloses Schicksal zu schildern. „Für mich stehen seine menschlichen Eigenschaften im Vordergrund“, sagt der Songschreiber im S&B-Interview. „Für mich verkörpert Georg Elser nicht den Helden, sondern das, was es heißt, ein Mensch zu sein.“ Weder das Theaterstück noch das Album hätten pädagogische Ansprüche. „Ich schreibe Songs, weil mich etwas bewegt, und die Geschichte von Georg Elser hat mich tief bewegt. Sie ist ein mehrdimensionales menschliches Drama, das bis in unsere Zeit hineinreicht.“
Die Platte ist die erste deutschsprachige in der Solo-Karriere von Michael Moravek, sie hat ihren Ursprung in seiner am Theaterhaus Stuttgart zusammen mit dem Schauspieler Bernd Wengert aufgeführten Bühnenproduktion „13 Minuten – Wie Georg Elser beinahe die Welt verändert hätte“ von 2024. „Um ehrlich zu sein: Ich wollte diese Songs ursprünglich gar nicht veröffentlichen“, erzählt der Musiker. „Dass sie gut sind, das wusste ich schon nach den ersten Vorstellungen. Die starken Reaktionen auf sie wiederholen sich ständig. Selbst nachdem wir die Aufnahmen im Januar abgeschlossen hatten und das Regensburger Label TYXart die Veröffentlichung vorbereitete, haderte ich damit. Ich fragte mich, wer diese schweren Songs überhaupt hören wollte – losgelöst vom Theaterstück, für das sie entstanden waren.“
Ein weiteres Vorzeigeprojekt des Ravensburgers
Zum Glück ließ sich Moravek überzeugen, dass „Georg“ – nach den gefeierten Vorgängerwerken „November“, „Lost“, „Dream“ und „Night Songs“ – ein weiteres Vorzeigeprojekt sein könnte. „Nicht zuletzt meiner fantastischen Band habe ich zu verdanken, dass sie mich motivierte, die Songs unbedingt aufzunehmen und nun zu veröffentlichen. Noch während der Arbeit an den Songs für das Theaterstück bekam ich von der Elser-Gedenkstätte in Königsbronn Auskunft darüber, dass es bislang noch kein in sich geschlossenes musikalisches Werk zu Georg Elser gebe und meines das erste war.“ Mitte 2025 habe er „daher beschlossen, die Songs auch für den englischsprachigen Markt umzudichten. Auch diese sind bereits in komplett neuen Arrangements aufgenommen und liegen nun bereit für eine Veröffentlichung Ende des Jahres.“
Moraveks feiner, heller Gesang, Gitarre, Klavier, Bass und Schlagzeug prägen diese wunderbar reduzierte Produktion, hinzu kommen Tupfer von Bratsche, Banjo, Mandoline und Zither (im einzigen Instrumental „Ich hör die amerikanische Artillerie“). Den Lyrics merkt man an, dass der Songwriter intensiv zum Leben von Georg Elser und zu dem um Haaresbreite gescheiterten Anschlag auf Hitler kurz nach Kriegsbeginn recherchiert hat. Im ersten Stück „Postkarte aus München“ geht es letztlich um die eher zufällige Verhaftung des Attentäters in Konstanz am städtischen Grenzübergang zur Schweiz – wegen einer Postkarte an seinen Vater. Später imaginiert sich Moravek auch in Elsers Beziehungen zu den Geliebten Maria Schmauder („Marie“) und Elsa Härlen („Alles ist gut“).
„Schwere Songs“ über Folter und Hinrichtung
Den eingangs erwähnten Kloß im Hals spürt man besonders beim Lied „Und brechen die Finger“ über die Perversion der Nazi-Mörder, deren „Banalität des Bösen“. Michael Moravek sagt dazu: „Es bleibt ein ungelöstes Rätsel, ein Paradoxon, wie ein Mensch seinen Nächsten Liebe und Zuneigung weitergeben und gleichzeitig ein unmenschliches Monstrum sein kann.“ Im Closer „Ich hab dich geträumt, Elsa Härlen“ gehe es um Elsers letzten Gang zu seiner Hinrichtung am 9. April 1945. „Der Song fiktionalisiert seine letzten Gedanken, während er zur Richtstätte geführt wird. Was geht einem Menschen durch den Kopf, der weiß, dass es unmittelbar zu Ende geht?“
Ja, das ambitionierte Konzeptalbum „Georg“ enthält natürlich mehrere „schwere Songs“, wie Moravek selbst einräumt. Einige Lieder, wie „Höllenmaschine“ (über die in aller Heimlichkeit und Zurückgezogenheit gebaute Zeitbombe), sind hingegen fast fröhlich, spürbar durchströmt von Elsers Hoffnung auf Hitlers baldigen Tod („Und wir werden tanzen und frei sein und glücklich dabei“). Der Quasi-Titelsong „Georg Elser“ verbinde seine „prophetischen Ahnungen, seine Entschlusskraft und die Einsamkeit, in der alles geschah“, und „Von der Freiheit ein Mensch zu sein“ handele schlicht und einfach „von Haltung in Zeiten der drohenden Finsternis“, sagt Michael Moravek.
Michael Moravek als nächster Tristan Brusch?
„Georg“ ist ein Album, das künftig Bestandteil des Musik- und Geschichtsunterrichts von Schulen sein könnte, nein: sollte. Und für Moravek hoffentlich endlich der verspätete Durchbruch als deutscher (und jetzt auch deutschsprachiger) Singer-Songwriter der Extraklasse bei einem größeren Publikum. Denn warum sollte ihm nicht vergönnt sein, was zuletzt Tristan Brusch gelungen ist.
Das Album „Georg“ von Michael Moravek & Electric Traveling Show erscheint am 10.04.2026 beim Label TYXart. (Beitragsbild von Hans Bürkle)





