
Henriette II.: Vive la France – Song des Tages
14. Juli 2025
Sigrid: Jellyfish – Song des Tages
15. Juli 2025Schuld und Sühne der Marke Michael Köhlmeier: Faszinierend und abgrundtief
von Gérard Otremba
Der Buchtitel lässt bereits auf keine besonders freundlichen Protagonisten schließen. Und Michael Köhlmeier hält damit auch Wort. Der österreichische Schriftsteller, dessen letzte Romane „Das Philosophenschiff“, „Frankie“ und „Matou“ alle bei Sounds & Books eine Rezensionsheimat gefunden haben, setzt sich in „Die Verdorbenen“ mit der Natur des Bösen auseinander und fast wie selbstverständlich gelingt ihm wieder ein großartiger literarischer Coup. Ich-Erzähler Johann, von Michael Köhlmeier mit einigen eigenen biographischen Details ausgestattet, erinnert sich. Erinnert sich an eine Frage, die ihm sein Vater gestellt hat, als Johann sechs Jahre alt war: „Was ist ein Wunsch für dein ganzes Leben?“. Johann musste nicht sofort antworten, durfte eine Nacht darüber schlafen, sein Vater vergaß die Frage am nächsten Tag erneut zu stellen, Johanns Antwort hätte gelautet: „Einmal in meinem Leben möchte ich einen Mann töten“.
Eine ungesunde Dreiecksgeschichte
Einen solch richtungsweisenden Satz platziert ein Michael Köhlmeier nicht zufällig zu Beginn eines Romans. Man ahnt als Leser also bereits eine sich abzeichnende Tragödie, ohne die Details zu kennen. Johann erinnert sich auch an die frühen Siebziger Jahre, als er in Marburg Germanistik und wissenschaftliche Politik studiert und seine Kommilitonen Christiane und Tommi kennengelernt hat. Es entwickelt sich eine ungesunde Dreiecks-Geschichte. Ohne groß Gefühle für sie zu entwickeln, kommt Johann mit Christiane zusammen, während Tommi nicht wirklich daran denkt, sich aus der Beziehung zurückzuziehen. Christiane gesteht zwar Johann ihre Liebe, aber trauen sollte man den Ausführungen nicht immer, viel zu viel bleibt unter den Protagonisten unausgesprochen.
Johann entzieht sich dieser Konstellation immer wieder, kehrt aber genauso häufig zurück. Eines Tages hebt Johann sein ganzes Geld vom Konto ab, beklaut seine Eltern und haut nach Ostende ab, wo er am Strand angegriffen wird, den Täter überwältigt und erschlägt. Zurück in Marburg findet er Tommi von Christiane ermordet vor und nimmt die Schuld auf sich.
Michael Köhlmeier und das Böse
Nach einem Fiebertraum im Gefängnis wird Johan einem Ermittler gegenübergestellt, der nicht nur seine Lüge durchschaut, sondern tief in seine Seele blickt: „Verdorben und zugleich unschuldig, so einer bist du. (…) Du bist verdorben auf die Welt gekommen. (…) Das gibt es. Aber es klingt interessanter, als es ist. Du bist kein Held der Liebe. Solche sind immer irgendwie schuldig. Du aber bist ein durch und durch und von allem Anfang bis in Ewigkeit Unschuldiger, und das ist fürwahr das Widerlichste, wozu es ein Mensch bringen kann.“. Michael Köhlmeier taucht in „Die Verdorbenen“ tief hinab in das Böse ohne Sinn, zusätzlich befeuert von der selbst zugegebenen Langeweile seiner Hauptfigur.
Johann agiert nicht immer logisch, eine innere Leere und das markante Fehlen von sowie die Unfähigkeit zur Liebe – gleichzeitig die Sehnsucht nach ihr – sind Triebfedern seines Handelns und die Charaktermerkmale seiner Person. Ohne den Zeigefinger zu erheben, changiert Köhlmeier zwischen Moral und Philosophie. Ein schnell zu lesendes und doch überaus faszinierendes Werk, zugleich eine Coming-of-Age-Geschichte sowie eine anspielungsreiche, kurze Abhandlung über Schuld und Sühne. Ein echter Köhlmeier eben.
Michael Köhlmeier: „Die Verdorbenen“, Hanser, Hardcover, 160 Seiten, 978-3-446-28250-6, 23 Euro. (Beitragsbild von Peter-Andreas Hessiepen)





