Metallica: S&M2 – Albumreview

Metallica: S&M2 – Albumreview

Metallica und das San Francisco Symphony Orchester

Man kann den seit fast 40 Jahren existierenden Metallica mit Sicherheit so einiges vorwerfen – aber nicht, dass sie in ihrer künstlerischen Laufbahn keine Risiken eingegangen wären. Die (Mit-)Begründer des Thrash- sowie Speed-Metal entwickelten ihren Stil vom derbst rausgehauenen wie stark punkbeeinflussten Hochgeschwindigkeitsgemetzel ihres Debüts über proggige Variationen des Thrash und Powerballaden zum stadionkompatiblen, massentauglichen und trotzdem hoch energetischen Riff-Rock, ohne ihre Kellerwurzeln zu vergessen und ihnen regelmäßig Tribut zu zollen – auf Platte ebenso wie bei ihren Liveshows.

Metallica und Michael Kamen

Metallica machten ihre bandinternen Probleme öffentlich (in dem Musikfilm-Kuriosum „Some Kind Of Monster“), spielten als einzige Band der Erde auf allen Kontinenten (inklusive der Antarktis) und verprellten einen Teil ihrer Hörerschaft wahlweise mit der Kollaboration mit Lou Reed („Lulu“ 2011) oder dem nett gemeinten Intonieren von Songs aus der Region, in der sie gerade auftreten – was gerade in Deutschland zu mehr als kuriosen Farbtupfern in den Setlisten führte. Bereits vor 20 Jahren veröffentlichten Metallica einen Konzertmitschnitt mit Orchester, damals unter der Leitung von Michael Kamen, der 2003 verstarb.

Weiterentwicklung des Konzepts

Metallica S&M2 Cover Blackened Recordings

„S(ymphony)&M(etallica)2“ entwickelt das Konzept von damals weiter: Die Liveaufzeichnung fand dieses Mal auf einer (für Metallica inzwischen obligatorischen) Bühne in der Mitte der Halle statt, auf der auch das Orchester positioniert war. Dadurch war weit mehr Interaktion zwischen Band und Orchester möglich als 1999, als das Orchester hinter Metallica musizierte. Der Fusion-Gedanke zeigt sich ebenfalls an den klassischen Kompositionen, die es ins Programm geschafft haben (von Sergei Prokofjew sowie von Alexander Mossolow). Knapp 2,5 Stunden lang kann man in diversen Formaten Metallica dabei zuhören, wie sie einen Querschnitt durch ihre gesamte Karriere performen, auf äußerst herausfordernde Weise. Muss man sich das als Fan geben?

Metallica bieten ein paar echte Perlen

Wer nur die ersten drei Alben der Bay Area-Formation liebt, ist ohnehin schon längst nicht mehr Zielgruppe. Wer zum xten Mal bei „Nothing Else Matters“ das Feuerzeug hebt, hat sicherlich mit der Einspielung auf diesem Tonträger ebenso kein Problem. Trotzdem verstecken sich, auch bei allgemeinem Desinteresse an den selbst gestellten Herausforderungen der Band, ein paar echte Perlen auf diesem Dreher, z.B. das vom Bassisten des San Francisco Symphony Orchesters, Scott Pingel, intonierte „(Anesthesia) – Pulling Teeth“ als Hommage an den 1986 auf Tour tödlich verunglückten Ur-Bassisten Cliff Burton. Oder das von Sänger und Gitarrist James Hetfield gitarrenlos vorgetragene „The Unforgiven 3“ vom 2008 erschienenen „Death Magnetic“. Bedenkt man darüber hinaus, dass die Band gegenwärtig pausiert, weil Hetfield, wie er kurz nach der Konzertaufzeichnung seinen Kollegen gegenüber bekannt gab, erneut eine Entziehungskur in Angriff nahm, wird sein Beitrag vor allem bei diesem Stück noch wertvoller.

Positive Überraschung

Als Fan der ersten Stunde, für den Metallica seit ihrer vorletzten Welttour 2017 keine allzu große Rolle mehr spielen und dessen Erwartungen dementsprechend ziemlich niedrig angesiedelt waren, bin ich unerwartet positiv überrascht über die Klasse dieser Aufnahme. Ist das eine Kaufempfehlung? Zum Zeitpunkt dieses Schreibens beherrschen Metallica bereits die Rock- wie auch die Klassikcharts mit ihrem Produkt, während andere Musiker nicht wissen, wie sie ihre nächste Miete bezahlen sollen. Da man Metallica inzwischen streamen kann (und die Dienste dieses Recht teuer eingekauft haben) sollte man die Entscheidung darüber, welche(n) Tonträger man sich demnächst besorgt, vielleicht kurz überdenken.

„S&M2“ von Metallica ist am 28.08.2020 bei Blackened Recordings / Universal Music erschienen. (Beitragsbild von Anton Corbijn)

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