Mesut Bayraktar: Wunsch der Verwüstlichen

Mesut Bayraktar: Wunsch der Verwüstlichen

In seinem neuen Roman “Wunsch der Verwüstlichen” behandelt Mesut Bayraktar auf der Italien-Reise seiner Protagonisten die Themen Entfremdung, innere Einsamkeit und Scham

Immer wieder Italien. Das Sehnsuchtsland der Deutschen seit Johann Wolfgang von Goethe seinen Reisebericht verfasste und sich eine sogenannte „Toskana-Fraktion“ im politischen Spektrum bildete. Vom ganzen Italien-Tourismus ganz zu schweigen. Literarisch fand Italien zuletzt durch den Roman „Bericht zur Lage des Glücks“ von Bodo Kirchhoff einen Platz in unserem Programm. Eine Italienreise unternehmen auch die Protagonisten Karl und Can in Mesut Bayraktars neuem Roman „Wunsch der Verwüstlichen“. Karl und Can sind Brüder, die sich nach dreizehn Jahren auf der Beerdigung ihrer Mutter wiederbegegnen. Ihre gemeinsame Reise ist keine freiwillige, sondern von der verstorbenen Mutter testamentarisch auferlegt. Das Ziel nicht festgelegt, aber Zeit sollten die beiden ungleichen Brüder miteinander verbringen. Da Can geschäftlich in Italien zu tun hat, lädt er seinen knapp zwei Jahre älteren Bruder ein. Trotz Bedenken willigt Karl ein.

Ein Leben gerät ins Wanken

Mesut Bayraktar Wunsch der Verwüstlichen Cover Autumnus Verlag

Mesut Bayraktar erzählt die notgedrungene Brüder-Reise aus der Sicht Karls, der sich an Anekdoten aus der Familienvergangenheit erinnert und in der Auseinandersetzung mit Can sein eigenes Leben reflektiert. Das so ganz anders verlief als das seines Bruders. Während der rastlose, in der Jugend bereits häufig aneckende und äußerlich eher dem aus der Türkei stammenden Vater ähnelt, eines Tages wortlos verschwand, legte Karl eine Bilderbuchkarriere als Richter mit einer Anwältin als Frau und zwei Kindern hin. Im Verlauf der Italien-Reise, die ihn nach Verona, Florenz und Rom führt, gerät Karls Bild seiner Ehe und seines bisherigen Lebens ins Wanken.

Einen nicht unbeträchtlichen Anteil seiner neuen Gedanken hat er der schwerkranken, aber lebenslustigen ukrainischen Schauspielerin Nastasja zu verdanken, die Karl zufällig in einem Museum kennenlernt und die Can bereits von früher begegnet ist. Nastasja riskiert ihre Gesundheit, lebt eher nach dem Motto „It’s better to burn out, than to fade away“ und bringt Karl einen Hauch der Leichtigkeit des Seins bei.

Mesut Bayraktar überzeugt mit seiner intelligenten und poetischen Sprache

Die Gespräche mit Can zeigen ihm eine andere Perspektive auf die eigene Familiengeschichte, insbesondere der Zeit, bevor ihr Vater verstarb und Can das Weite suchte. Der Kopfmensch Karl denkt unentwegt über das Leben, den Tod, die innere Einsamkeit, die eigene Entwurzelung und Entfremdung sowie die für ihn so prägende Scham nach. Er findet Rom fast ähnlich trostlos und abstoßend wie einst Rolf-Dieter Brinkmann in „Rom, Blicke“, genießt aber dann doch ein Fest der Gegenwart und zieht nach der Heimkehr Konsequenzen. Mesut Bayraktar lotet in „Wunsch der Verwüstlichen“ das Thema Herkunft innerhalb eines Brüderkonfliktes aus. Der 1990 in Wuppertal geborene Autor überzeugt mit seiner prägnanten, intelligenten und poetisch-bildhaften Sprache. Ein die Leser in den Bann ziehender, mit starken Charakterzeichnungen aufwartender und lange nachhallender Entwicklungsroman.

Mesut Bayraktar: „Wunsch der Verwüstlichen“, Autmnus Verlag, Hardcover, 244 Seiten, 978-3-96448-050-7, 18,95 Euro.  

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