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14. April 2026Gib mir ein AAAAAHHHHHHHHH: Melanie Baker ist der neueste Zugang in der 90er-Revival-Klasse
von Sven Weiss
In den letzten Jahren macht eine beeindruckende Reihe Künstlerinnen auf sich aufmerksam, die die Soundästhetik der Neunziger mit allesamt klasse Alben in die Jetztzeit transportieren. Blondshell, Soccer Mommy, Snail Mail, Beabadoobee oder Bully seien als Beispiele genannt (Warum das ein sehr weibliches Phänomen zu sein scheint, bleibt vorerst ein Rätsel). Mit ihrem Debüt „Somebody Help Me, I’m Being Spontaneous!“ (ein Zitat aus dem Film „The Truman Show“) fügt sich Melanie Baker mühelos in diese Reihe ein.
Melanie Baker serviert Emotionen so direkt wie möglich
Dabei hat sich Baker offensichtlich auf die Fahnen geschrieben, die Direktheit des Grunge nicht nur musikalisch, sondern vor allem auch textlich auf die Spitze zu treiben. So heißt der Albumopener schlicht „AAAAAHHHHHHHHH“ und klingt auch exakt so. „You’ve been feeling like AAAAAHHHHHHHHH“ lautet der Refrain, und Baker schreit sich dabei die Seele so herrlich aus dem Leib, dass es eben auch keiner weiteren Erklärung bedarf. Ein anderer Song nennt sich „Haha!“, fühlt sich aber alles andere als witzig an. So wie Baker den Refrain (der natürlich nur aus „Haha!“ besteht) dem Hörer entgegenrotzt, spürt man auch ohne weitere Info, dass es sich eher um eine Art Stinkefinger handelt – und zwar an all jene die versuchen, dir das Recht zu verweigern, du selbst zu sein, so Baker.
Es geht mal wieder um queere Identität, für Baker die spezielle Linse, mit der sie den Geist der Neunziger interpretiert. Bakers Welt ist eine Mischung aus Chaos und Mitgefühl, in der Angst, Wut, Liebe und Lachen gleichermaßen nebeneinander existieren. Sie gestaltet ihre Lieder wie Comic-Panels voller emotionaler Wahrhaftigkeit: Herzen, die aus der Brust springen; Dampf, der aus dem Kragen zischt; Comic-Melancholie, die auf echte Zärtlichkeit trifft. Sie habe sich endlich erlaubt, alles zu fühlen, so Baker. Und dieses Album ist ein wahres Fest der direkten, herausgeschrienen, hingerotzten, vor den Latz geknallten Emotionen.
Die Melanie-Baker-Befreiungs-Demo
Dabei knarzt es, rumpelt es, quietscht es, dass es eine Freude ist. Baker ist laut, tritt das Distortion-Pedal mit Anlauf durch und verpasst ihren Songs ein fettes Soundgewand. „I don’t wanna be a sad clown“ singt ein Chor in der Singleauskopplung “Sad Clown”, und man ist versucht seine Faust zu recken, und sich sofort einer Demonstration anzuschließen – der Melanie-Baker-Befreiungs-Demo. Weitere Highlights sind die Fuzz-Orgie „My Head Fell Off Last Night” oder das gewaltige “Slugs”, bei dem Baker einen ganzen Wunschkatalog über eine Gitarrenwand brüllt: „I wanna feel fine/ I wanna make noise/I wanna be seen/I wanna be me“.
Stücke wie „City Strange“ oder das akustische „Bye Bye, Loser Blues“ (stilecht mit Mundharmonika) zeigen, dass sich Baker nicht darauf verlässt, nur Krach zu machen, sondern ganz einfach eine tolle Songschreiberin ist. Das abschließende „You’ll Get Better“ nimmt das Motiv aus dem Opener wieder auf und schafft so einen Rahmen für das Album. Und kann natürlich gleichzeitig als Aufforderung verstanden werden, am besten wieder vorne anzufangen. Rockt.
„Somebody Help Me, I’m Being Spontaneous!“ von Melanie Baker erscheint am 10.04.2026 bei Tambourhinoceros / Cargo Records. (Beitragsbild: Albumcover)





