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14. Februar 2026Ein kleines Album – aber doch ein großes. Der britische Rock-Sänger Matthew C. Whitaker packt seine Crooner-Stimme aus und erinnert an berühmte Vorbilder.
von Werner Herpell
Ein bisschen fühlt man sich bei dieser Platte an die Überraschungs-Coups von Richard Hawley und Josh Tillman erinnert. Den im Hintergrund tätigen Gitarristen der Britpop-Bands Longpigs und Pulp hatte vor 25 Jahren auch keiner als sensationellen Sänger auf dem Zettel, ebensowenig vor 15 Jahren den Drummer der Fleet Foxes, aus dem dann Father John Misty wurde. Und heute gehören beide als Crooner und Komponisten zweifellos zu den weltbesten ihres Fachs. Ob es uns mit Matthew C. Whitaker irgendwann mal ähnlich ergeht? Zumindest weckt „Songs For The Weary“ schönste Erwartungen für einen Hawley-Tillman-Effekt.
Spannende Talentprobe und Wendepunkt
Mit nur acht Tracks (darunter zwei opulente Instrumentals) und weniger als 30 Minuten Laufzeit für ein ganz großes Statement zwar noch etwas zu knapp bemessen, ist dieses Minialbum doch viel mehr als nur eine interessante Talentprobe. Zudem markiert die Platte einen weiteren Wendepunkt in Whitakers Karriere: Denn schon mit dem 2016er Solo-Debüt „The Man With The Anvil Hat“ hatte er sich kurzzeitig von seiner Arbeit als Leadsänger unter dem Grusel-Pseudonym „Zpor“ in der Manchester-Rockband Henge abgewendet (laut Wikipedia „a type of electronic crossover rock which they call Cosmic Dross whilst performing as the fictional characters Zpor, Goo, Sol and Nom“).
Statt des „energiegeladenen, rave-beeinflussten Prog“ von Henge (Label-Beschreibung) nun also die prachtvollen „Songs For The Weary“. Im vorigen Oktober erschien bereits die Single „Lucid Dreamer“, ein cineastischer Gitarren-Twang-Track, den Whitaker im Mitternachts-Jazz-Stil eines Frank Sinatra oder Scott Walker (beziehungsweise Hawley und Father John Misty) mit reichlich Chor-Unterstützung singt. Hinreißend, wenngleich gefährlich nah an der Kitsch-Grenze. Diese ist auch bei anderen Stücken des Albums gelegentlich in Sicht, aber Whitaker stürzt während seiner Gratwanderung letztlich nicht ab.
Strings, Saiten und Singende Säge
„Mind How You Go“ beispielsweise ist zurückhaltender arrangiert als „Lucid Dreamer“ und fügt den exotischen, fernöstlich anmutenden Streichern des instrumentalen Openers „Overture“ Whitakers sensible Stimme hinzu. „Chestnut Tree“ klingt ähnlich nostalgisch, mit beschwingten Strings und hübsch plinkernder Saitenarbeit. „Logan Stone“ wickelt den Hörer mit einem sanft wiegenden Bossa-Nova-Rhythmus um den Finger. Das Quasi-Titelstück „For The Weary“ ist ein virtuos gepfiffener Country-Schleicher wie aus einem Italowestern samt Ennio-Morricone-Soundtrack (Alabaster DePlume am Saxophon!).
Mit Song Nummer 7, „A Portrait Of The Artist As An Old Man“, geht dieses außergewöhnliche Album leider schon auf die Zielgerade. Whitaker singt abermals großartig – und spielt ein atmosphärisches Singende-Säge-Solo, das mich an Kevin Morbys Meisterstück „Singing Saw“ von 2016 erinnert. Der Closer „Stand Up To The Man“ ist zwar nur zwei Minuten lang, vermittelt zu Streichquartett und Banjo in dieser kurzen Zeit aber eine kraftvolle, derzeit besonders wichtige Botschaft – Mut zu fassen, Widerstand zu leisten: „Sag deine Meinung, auch wenn deine Stimme zittert.“
Matthew C. Whitaker lädt zum Genießen ein
Ein berührendes Finale für eine große kleine Platte. „Ich empfehle Ihnen, dieses Album an einem Ort anzuhören, an dem Sie sich wohlfühlen. In einem bequemen Sessel oder Sitzsack oder vielleicht in der Badewanne“, sagt Matthew C. Whitaker. Kann man so machen. Und diese knapp 30 Minuten Musik einfach nur genießen.
Das Album „Songs For The Weary“ von Matthew C. Whitaker ist am 13.02.2026 im Eigenvertrieb via Bandcamp erschienen. (Beitragsbild: Albumcover)





