Marina Keegan: Das Gegenteil von Einsamkeit – Stories, Essays

Marina Keegan: Das Gegenteil von Einsamkeit – Stories, Essays

Das Vermächtnis einer viel zu früh verstorbenen Autorin

von Gérard Otremba

Das Gegenteil von Einsamkeit ist das gleichnamige Buch von Marina Keegan zu lesen. Es ist ein geradezu perverses Gefühl, das Cover des Buches mit dem Wissen zu betrachten, die dort abgebildete Autorin nicht mehr unter uns zu wissen. Marina Keegan starb 2012 im Alter von 22 Jahren wenige Tage nach ihrer Yale-Abschlussfeier bei einem Autounfall auf dem Weg zu ihren Eltern. Zweifellos verlor die Welt an diesem Tag eine der talentiertesten Schriftstellerinnen unserer Zeit. Das Gegenteil von Einsamkeit versammelt ausgewählte Essays, Stories und den so betitelten Text ihrer Rede für die Yale-Abschlussklasse, mit dem sie mutig bei einigen Yale-Absolventen aneckt („Einige von uns wissen genau, was sie wollen, und sind auf dem Weg dorthin: Sie studieren schon Medizin, arbeiten in der perfekten NGO, sind in der Forschung tätig. Euch sage ich: Herzlichen Glückwunsch, aber ihr kotzt mich an.“).

Keegans Texte sprühen von jugendlichem Elan in der Sturm und Drang-Phase mit klassischen stilistischen Merkmalen, die manch ein Autor höheren Alters nicht erreicht. „Ich töte für Geld“, ihre Reportage über einen 63-jährigen Kammerjäger ist so pointiert wie die Berichte des Journalisten Joseph Mitchell im New Yorker, die vom Diaphanes Verlag u.a. unter dem Titel McSorley’s Wonderful Saloon herausgegeben worden sind. Zum New Yorker zog es auch Marina Keegan, die in Das Gegenteil von Einsamkeit enthaltenen Texte sind beste Bewerbungsbeispiele einer begnadeten Autorin. Keegan distanzierte sich von vorhersehbaren, deklinierten und eindimensionalen Lebensstilen, Umwege hätte sie in Kauf genommen, das Scheitern bewusst akzeptiert. Sie schrieb über ihre Generation in einem allgemeingültigen, generationsübergreifenden Ton, manchmal suchend, manchmal abgeklärt, aber immer geistreich und witzig. Es sind bewegende Geschichten über zumeist junge Menschen voller Nachdenklichkeit und Zweifel. Doch gehören zu Keegans Geschichten auch die Themen Alter, Krieg und Tod. Das Gegenteil von Einsamkeit ist ein großes Vermächtnis einer bemerkenswerten und viel zu früh verstorbenen Schriftstellerin. Lesen Sie das Buch und Sie spüren das Gegenteil von Einsamkeit.

Marina Keegan: „Das Gegenteil von Einsamkeit“, S. Fischer Verlag, Hardcover, übersetzt von Brigitte Jakobeit, 978-3-10-0022756-9, 18,99 €.

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