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21. Juli 2025Ein Album, das den klassischen opulenten Soul der Sixties und Seventies feiert – aus Italien. Baut Luca Sapio in Rom an einem neuen Motown?
von Werner Herpell
Während Detroit als Herkunftsort des legendären Motown-Sounds nur noch von der schönen Erinnerung lebt, ist die klassische Soul-Musik keineswegs am Ende. Im Gegenteil: Viele junge Musiker berufen sich auf das Erbe der Sixties und Seventies – von Yola über Curtis Harding und Durand Jones bis zu Thee Sacred Souls und Jalen Ngonda (die älteren Stars Sharon Jones und Charles Bradley singen leider schon seit einigen Jahren im Soul-Gospel-Himmel).
Große Vorbilder von Gaye bis Green
Dass die ikonischen Kompositionen und Gesangsleistungen eines Marvin Gaye, Stevie Wonder, Curtis Mayfield oder Al Green auch in Europa fanatische Fans und vehemente Fürsprecher haben, zeigt (nicht als erstes Album, aber als aktuellstes) „Black Waves“ von Luca Sapio. Die Album-PR erinnert wegen der römischen Herkunft des traditionsbewussten Songwriters nicht nur an den Motown-Soul, sondern auch an die „zeitlosen Sounds italienischer Vintage-Soundtracks“, etwa von Piero Piccioni oder Ennio Morricone.
Und tatsächlich hat die opulente Instrumentierung der elf Songs mit fetten Bläsern, seidigen Streichern und gefühlvollen Background-Sängerinnen durchaus etwas Cineastisches. Der leicht angeraute, seelenvolle Gesang von Signore Sapio (50) dagegen stellt die Verbindung nach Detroit her – zur „Motor City“ von vor 50 bis 60 Jahren, als die Metropole des Bundesstaates Michigan noch im Glanz einer florierenden US-Autoindustrie stand und zugleich Hauptstadt der schwarzen Musik Amerikas war.
„Was ist hier bloß los?“
Songtitel wie „Paradise Is A State Of Mind“, „Just A Broken Heart“ oder „I Bet You Never Knew“ könnten von Motown-Alben jener Zeit stammen, als Herzschmerz, Liebessehnsucht, Sexualität, tiefe Religiosität und sozialpolitische Botschaften untrennbar verbunden waren. Der Closer von Sapios „Black Waves“ heißt sogar „What Goes On Up Here“, nimmt also direkt Bezug auf Marvin Gayes bahnbrechende Platte „What’s Going On“ von 1971 (für den „Rolling Stone“ das beste und wichtigste Musikalbum aller Zeiten).
Wie bei allen heutigen Soul-Alben, die sich so eindeutig bei der schwarzen Musik der 60er- und 70er-Jahre anlehnen (nennen wir es Retro oder Vintage, sucht euch was aus), hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man versinkt in den üppigen Melodien, lässt sich von den verschwenderischen Arrangements verblüffen, bewundert die handwerkliche Virtuosität der Produktion; oder man tut solche Klangwelten als pure Nostalgie, als eigentlich überflüssigen Nachbau einer vergangenen Pop-Ära ab.
Luca Sapio und der Soul – eine respektvolle Annäherung
Ich entscheide mich dafür, die Expertise und den tief empfundenen Respekt des Italieners, der 2012 sein Solo-Debüt „Who Knows“ veröffentlicht hatte, vor dem klassischen Soul anzuerkennen, die wunderbar gesungenen und gespielten Lieder einfach nur zu genießen (gerade jetzt, im Sommer, fällt das sehr leicht).
Politisch korrekt sind sie überdies auch (am explizitesten im superben Titelstück). O-Ton Luca Sapio: „Es ist ein Aufruf, über oberflächliche Grenzen hinauszuschauen und einen gemeinsamen menschlichen Kern zu erkennen. Dieses Album fordert zum Nachdenken auf: Wir sind nicht voneinander getrennt, sondern miteinander verbunden. Nur wenn wir uns diesen Wahrheiten stellen, können wir die Mauern einreißen, die uns trennen, und zu echtem Verständnis und Einheit gelangen.“ Amen!
Das Album „Black Waves“ von Luca Sapio ist am 18.07.2025 bei Blind Faith Records erschienen. (Beitragsbild: Pressefoto)





