Love Amongst Ruin: Lose Your Way (Acoustic) – Album Review

Love Amongst Ruin: Lose Your Way (Acoustic) – Album Review

Heilsame Trennung

Das Ende einer Liebe tut weh. So war es offenbar auch für Steve Hewitt, als er 2007 Placebo verließ und fortan ihr Ex-Drummer war. Zumindest sollte der Name „Love Amongst Ruin“, den Hewitt 2009 für seine neue Band und deren Debüt wählte, seinen emotionalen Zustand nach dem Ende seiner Beziehung zu Molko und Olsdal widerspiegeln. Doch anstatt sich im Trennungsschmerz zu suhlen, zeigte Hewitt sowohl auf dem ersten Studioalbum als auch auf dem 2015 erschienenen Nachfolger „Lose Your Way“, dass er durchaus als Frontmann taugt und nicht nur an den Drums, sondern auch an der Gitarre und als Sänger Qualitäten hat.

Der Sound von „Lose Your Way“ ist dicht, atmosphärisch, geprägt von Rock sowie kalten Synthies und wartet zudem mit einer deutlichen Prise Britpop auf. Der Gesang ist meist warm, die Stimmung so düster wie die Lyrics. Die Tracklist bietet eine Mischung aus wirklich krachenden Songs wie dem Opener („Lose Your Way“) und sphärischen, ruhigen Stücken („Paper Tigers“), die durch den Einsatz von Hall-Effekten einen Dark Wave Einschlag vorweisen. Das alles verwundert nicht weiter, wenn man Bands wie The Cure und Depeche Mode zu seinen Inspirationsquellen zählt. Nun folgt also „Lose Your Way“ in einer Acoustic-Version – ein Schritt, der seit dem Erfolg unzähliger MTV Unplugged-Konzerte für viele Bands fast schon unvermeidbar erscheint, obwohl das Herausziehen des Steckers bei Weitem nicht allen Künstlern gut tut. Umso spannender ist die Frage, ob die Band um Hewitt es versteht, mit den Arrangements etwas Neues zu erschaffen, oder ob sie lediglich einen weichgespülten Abklatsch der Songs liefert.

Glücklicherweise ist Letzteres nicht der Fall: Love Amongst Ruin funktionieren auch ohne Strom, und zwar erstaunlich gut. Zwar setzen sich die härteren Stücke nicht mehr so stark von den softeren ab, dennoch gibt es druckvolle Momente wie in „Lose Your Way“, das auch ohne Verzerrung tanzbar ist. „Modern War Song“ startet mit Staccato-Gitarrenanschlag und wandelt sich zu einem traumwandlerischen Klangerlebnis mit Tribal-Beats und einer sanften Gesangsstimme, die den Hörer in eine verwunschene Welt zu locken versucht. Auch die erwähnten Britpop-Anleihen bleiben dem Album in der Acoustic-Version erhalten. Während man zwischendurch denkt, Hewitt könnte problemlos Chris Martin bei Coldplay ersetzen, offenbart sich spätestens bei „So Close“ eine interessante gesangliche wie musikalische Nähe zu Oasis. Musikalische Angriffsflächen bietet „Lose Your Way (Acoustic)“ kaum: Es handelt sich insgesamt um eine runde Sache, auch wenn damit vielleicht nicht der ganz große Wurf gelungen ist.

Allenfalls die Texte könnten Anlass zur Kritik geben, sofern man nach Tiefgründigkeit sucht. Die Lyrics bleiben phrasenhaft und unterstreichen eher ein Gefühl, eine Stimmung, anstatt viel Inhalt zu bieten, so zum Beispiel in „Watch Myself“ („Falling free / On my way / Come with me / Let’s spiral down / Pray for me / I’m on my way / On my way / To say goodbye“) oder „Swan Killer“, das sich textlich in besonders klischeehafter Weise der Liebe widmet: „Baby I feel for you / The way you feel for me / What are we gonna do / When all our love is gone“. Das sinnbildliche Liebesaus zwischen Hewitt und Placebo scheint zumindest keine allzu tiefen Wunden hinterlassen zu haben. Stattdessen schöpft Hewitt mit Love Amongst Ruin sein kreatives Potenzial aus und überzeugt vor allem als hervorragender Sänger. Trennungen können sehr schmerzhaft sein, aber auch der Anfang von etwas Gutem.

„Lose Your Way (Acoustic)“ ist am 02.09.2016 bei Mira Records / Believe Digital erschienen. 

 

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