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7. Januar 2026Latin-Jazz kann gleichzeitig farbenfroh und politisch sein – wie das neue Album des honduras-stämmigen Schweizers Louis Matute zeigt.
von Werner Herpell
Es ist natürlich purer Zufall, dass in diesen Tagen, da der hässliche US-Imperialismus unter Donald Trump sein alptraumhaftes Comeback erlebt, um Latein- und Südamerika zum verachteten „Hinterhof“ zu degradieren, ein Album mit passendem Hintergrund erscheint. Tatsächlich widmet sich Louis Matute, der hochtalentierte Schweizer Jazz-Gitarrist mit honduranischen Wurzeln, auf „Dolce Vita“ seiner mittelamerikanischen Familiengeschichte und deren politischen Rahmenbedingungen. Dass diese Platte dabei nicht bleischwer und niederschmetternd klingt, sondern inspirierend und „uplifting“, ist kein geringes Kunststück.
Keine Samba-Jazz-Cocktailparty
Schon lange war Lateinamerika „eine musikalische Fantasie für Louis Matute, und die Musik der unterschiedlichen Regionen des Kontinents spielt in seinen Kompositionen immer eine große Rolle“, schreibt sein Label Naïve. Mit dem neuen Album gehe er nun aber in eine sehr viel politischere Richtung. Denn hinter dem nach Cocktailparty klingenden Titel der Platte steht die dunkle, schmerzhafte Geschichte der erzwungenen Flucht von Matutes Großvater und dessen Familie vor der honduranischen Diktatur.
Das mit dem „süßen Leben“ ist also wohl, bei aller Lässigkeit und Tanzbarkeit der zwischen Jazz, Samba, psychedelischem Rock und karibischen Grooves changierenden Musik, ironisch gemeint. So kommen dem Hörer Stücke wie das wütende „Gringolandia“ oder „Tegucigalpa 72“ angesichts der aktuellen Angriffe und Drohungen Trumps gegen Nachbarstaaten wie ein Déjà-vu vor. Die zehn neuen Matute-Tracks nehmen für sich in Anspruch, eben keine lateinamerikanische „Dolce Vita“-Idylle zu spiegeln, sondern die (oft von den USA unterstützte) Gewalt gegenüber entrechteten Arbeitern und den Schmerz des Exils.
Louis Matute und die „Suche nach Identität“
Und das mit sehr persönlichem Anlass: Nach vielen Jahren der Militärdiktatur gab es 1971 Wahlen in Honduras, und der frisch gewählte Präsident Ernesto Cruz ernannte Louis Matutes Großvater Carlos Humberto, der zuvor erfolgreich für höhere Löhne der Arbeiter gekämpft hatte, zum Wirtschaftsminister. Schon eineinhalb Jahre später war die kurze Demokratie-Phase allerdings wieder vorbei, der Diktator Oswaldo López Arellano putschte sich an die Macht zurück. Die Familie Matute musste fliehen – sie ließ sich schließlich in Genf nieder.
„Dieses Album ist mehr als nur Musik – es ist eine Suche nach Identität“, sagt Louis Matute. Musikalisch funktioniert die Platte, bei aller Schwere ihres Themas, als farbenfrohe Latin-Jazz-Fusion mit tollen Instrumentalpassagen und interessanten Vocal-Gastauftritten von Dora Morelenbaum, Joyce Moreno, Gabi Hartmann und dem Schweizer Rapper Rico TK. „Dolce Vita“ macht, dem Titel entsprechend, viel Spaß, regt aber auch zur Reflexion an – gerade in Zeiten der Rückkehr zu einem düsteren Kapitel der amerikanischen Geschichte.
Das Album „Dolce Vita“ von Louis Matute ist am 02.01.2026 beim Label Naïve erschienen. (Beitragsbild von Nadia Tarra)





