Lesung mit Benedict Wells in Hamburg

Lesung mit Benedict Wells in Hamburg

Schwermütiger neuer Roman, und doch ein vergnüglicher Abend mit Benedict Wells

Text und Fotos von Gérard Otremba

Geduld müssen beide Seiten aufbringen. Nach der Lesung, während der Signierrunde. Benedict Wells ob des großen Publikumsandrangs, und seine Leser, weil sich der Autor für jeden einzelnen Besucher Zeit nimmt, unter Umständen noch ein kleines Gespräch führt und seine Widmungen den Charakter einer Kurzgeschichte besitzen. So werden auch all diejenigen belohnt, die am 12.04.2016 tapfer zwei Stunden bis Mitternacht ausharren und von Kollegen der gastgebenden Hamburger Buchhandlung Heymann an der Osterstraße in Eimsbüttel noch wahlweise mit Wein, Wasser und Süßigkeiten versorgt werden.

Benedict Wells Heymann 2016

In den Kellerräumen der Buchhandlung las Benedict Wells zuvor aus seinem neuen Roman Vom Ende der Einsamkeit, das auch in der Besprechung bei Sounds & Books bereits seine verdienten Meriten fand, und beantwortete Fragen des Kollegen Daniel Haas von der Wochenzeitung Die Zeit. Es entwickelte sich ein teilweise launiges Gespräch, in dem Benedict Wells eindeutige Fragen auch mal mit ja oder nein beantwortete, eine Gabe, die Politikern völlig abgeht und in jenem Milieu manchmal so wünschenswert wäre. Die geneigten Gäste der Lesung des in Berlin wohnenden Benedict Wells erfuhren im Verlauf des Abends, dass sein neuer Roman ursprünglich gar 800 Seiten hatte, um die Hälfte gekürzt worden ist („Die 400 Seiten mussten einfach raus“) und dabei auch die beste Passage des Buches zum Opfer fiel.

Benedict Wells Heymann 2016

Zwar verabschiedete er sich nur schweren Herzens von dieser Stelle, aber für den Roman insgesamt sei es die beste Entscheidung gewesen, so Wells, zu dominant jener uns unbekannte Abschnitt, der Roman ohne ihm eindeutig besser. Lange und zu kürzende Romane scheinen seine Sache zu sein, denn auch sein zuletzt verfilmtes Werk Becks letzter Sommer verfügte zunächst gar über die Länge von 1500 Seiten und habe Becks letztes Jahr geheißen, teilte er dem Publikum mit. Außerdem stünden überarbeitete Versionen seiner Bücher Spinner und Fast genial an. „Ich habe Spinner mit 19 Jahren geschrieben und ging damals viel zu schludrig damit um“, gab Wells zu Protokoll. Nun ist Benedict Wells über 30 und habe sich als Autor weiterentwickelt und die neue Version sei um ein Vielfaches besser.

Benedict Wells Heymann 2016

„Aber das passiert nicht wieder“, beteuerte er, sein neuer Roman Vom Ende der Einsamkeit bliebe so wie er sei. Aus dieser in ihrer Atmosphäre so schwermütigen und schicksalsträchtigen Liebesgeschichte las Wells durchaus heitere Kapitelabschnitte vor, so dass allen Lesungsbesuchern, die das Buch bis dato noch nicht gelesen hatten, letztendlich nur ein für die Protagonisten entscheidender, brutaler Lebenseinschnitt kundgetan worden ist. Benedict Wells erzählt im Dialog mit Daniel Haas von der Liebe zu seinen Figuren, zu Marty etwa, der am Anfang nicht gut wegkäme, aber im Handlungsverlauf an Positivem gewänne. Oder über Liz, eine „Figur, die das Buch trägt“, er habe sich beim Schreiben immer auf Liz verlassen können.

Benedict Wells Heymann 2016

Haas und Wells führten  ein Gespräch über starke Figuren, starke Romansätze, Verbindungen zu den in Vom Ende der Einsamkeit aufgeführten Romanen Krabat, Tom Sawyer und Der kleine Prinz, und über die Wichtigkeit der Erinnerung, schließlich ist der Roman ein Erinnerungsbekenntnis des 42-jährigen Ich-Erzählers Jules. Auf den Vorwurf, Wells mute seinen Lesern in seinem neuen Roman viel zu, rechtfertigte sich der Schriftsteller: „Das Leben mutet uns viel zu.“ In Hamburg mutete Benedict Wells seinen Lesern nicht viel zu, sondern bescherte ihnen einen vergnüglichen Abend. Und Geduld gehört nun mal in der Literaturbranche manchmal dazu.

Benedict Wells Heymann 2016

Benedict Wells Heymann 2016

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