Leonardo Padura: Wie Staub im Wind

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind

Ein grandioses Generationen- und Gesellschafts-Epos des kubanischen Meister-Erzählers Leonardo Padura

Der Kansas-Hit „Dust In The Wind“, auf den sich der Titel des neuen Romans von Leonardo Padura bezieht, entwickelt sich für den „Clan“, wie sich eine Freundesgruppe in Kubas Hauptstadt Havanna zu Beginn der 80er-Jahre nennt, zu einer Art beschwörenden Hymne. Die Gruppe um die beiden unterschiedlichen Frauen Elisa und Clara trifft sich regelmäßig und feiert das Leben so gut es eben geht in Fidel Castros Land. Anfang 1990, nur wenige Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer, geht auch ein Riss durch die Freundesclique. Spitzelgerüchte- und Vorwürfe machen die Runde, der Sturz des unbeliebten Walters von einem Hochhaus zieht polizeiliche Ermittlungen nach sich und die schwangere Elisa verschwindet plötzlich spurlos.

In den wirtschaftlich schwierigen 90er-Jahren setzen sich fast alle in andere Länder ab, lediglich Clara bleibt mit ihren beiden Söhnen Ramses und Marcos in ihrem Refugium, dem alten Haus ihrer früh bei einem Unfall verstorbenen Eltern, in dem die gemeinschaftlichen Treffen immer stattfanden.

Leonardo Padura verfolgt das Leben seiner Protagonisten auf verschlungenen Pfaden

Leonardo Padura Wie Staub im Wind Cover Unionsverlag

Zum Kern seiner Geschichte dringt Leonardo Padura über die 2016 einsetzende Rahmenhandlung vor. Die 26-jährige Adela erkennt auf einem Foto ihres Freundes Marcos in der schwangeren Elisa ihre eigene Mutter wieder. Die stammt zwar aus Kuba, heißt aber eigentlich Loreta und hat ihr offensichtlich die Wahrheit über ihre Herkunft verschwiegen. Und verschwindet von ihrem geliebten Pferdegestüt nahe Seattle, wo sie seit vielen Jahren Tiermedizinerin gearbeitet hat und ist für Adela auch telefonisch nicht mehr zu erreichen. Die Vergangenheit Elisas, alias Loreta, und ihrer Clique verfolgt Padura auf verschlungenen Pfaden und mit zeitlichen Sprüngen. Ein mitunter schamlos verschachtelter Plot, den sich ein souveräner und meisterhafter Autor wie Leonardo Padura aber jederzeit leisten kann.

Die Geschichte einer Generation

Seine Protagonisten sind von Sehnsucht getriebene, von Heimweh geplagte Exilanten. Die einen schlagen sich mehr oder weniger rechtschaffen durchs Leben, die anderen bauen sich eine monetär vergleichsweise unbeschwerte Existenz auf. Der mythische Verbindungsort aller heißt indes Havanna. In diesem auf über 500 großformatigen Seiten gestreckten Roman erzählt Leonardo Padura, Jahrgang 1955 und noch immer in Havanna lebend, auch seine Geschichte und die seiner kubanischen Generation. Er erlaubt sich genügend negative Kritik an den heimatlichen Zuständen, ohne jedoch deshalb Staat und System in Frage zu stellen. „Wie Staub im Wind“ entpuppt sich als ein grandioses Epos eines, wie stets, mitreißendes Schriftstellers, der uns in den letzten Jahren bereits mit „Ketzer“, „Die Palme und der Stern“ sowie „Die Durchlässigkeit der Zeit“ literarische Sternstunden bescherte.

Leonardo Padura: „Wie Staub im Wind“, Unionsverlag, aus dem Spanischen übersetzt von Peter Kultzen, Hardcover, 528 Seiten, 978-3-293-00579-2, 26 Euro. (Beitragsbild von Ivan Giménez)

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