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4. September 2025Die Sounds-&-Books-Reviews zu den neuen Alben von Curtis Harding, Roddy McKinnon sowie Mike Reid & Joe Henry
von Werner Herpell
In der neuen Ausgabe der „Kurz und gut“-Rubrik von Sounds & Books fällt Manna vom Himmel für Fans besinnlicher, tiefschürfender Singer-Songwriter-Musik – in Form der Alben des in Frankreich lebenden Schotten Roddy McKinnon und des neu gebildeten US-Veteranen-Duos Mike Reid & Joe Henry. Auch Curtis Harding hat wie immer tolle Songs im Gepäck – allerdings mit mehr Groove, verpackt in klassischen (Vintage-)Soul und Seventies-Funk. Viel Vergnügen!
Curtis Harding: Departures & Arrivals: The Adventures Of Captain Curt
Wer denkt beim Titel dieses „Konzeptalbums über einen im Weltraum verlorenen Piloten“ (Album-PR) nicht an David Bowies „Major Tom“-Saga? Curtis Harding scheut nicht davor zurück, auf seiner neuen, vierten Platte nach den Pop-Sternen zu greifen – mit einer Classic-Soul-Weltraumoper in elf Akten beziehungsweise Songs. Dass der Sänger und Songschreiber aus Atlanta knietief in der großen Motown-Tradition steht, hört man schon im Opener „There She Goes“, der mit seinem Groove, den Streichern und den Chorgesängen nah beim „What’s Going On“ des genialen Marvin Gaye einzuordnen ist (ohne dass Harding die seidige Eleganz der Vocals des wohl besten Soul-Troubadors der Popgeschichte erreicht, was aber nun weißgott keine Schande ist).
„Departures & Arrivals…“ wurde größtenteils live mit Band aufgenommen und umfasst, neben dem für diesen hochtalentierten Musiker typischen Seventies-R&B, auch knackigen Funk, opulenten Pop und nicht zuletzt Psychedelic-Rock, der Hardings Gitarrenspiel besonders gut zur Geltung bringt. Steve Hackmans String-Arrangements sind dann die Kirsche auf der Vintage-Torte. „Ich habe schon immer Streicher in meinen Alben verwendet, aber noch nie in diesem Ausmaß, und alles, was Steve geschaffen hat, hat mich einfach an einen anderen Ort versetzt“, sagt „Captain Curt“, dessen souligen Space-Adventures man gern für gut 40 Minuten folgt – auch wenn die Überflieger Bowie und Gaye noch nicht ganz in Sicht sind.
Das Album „Departures & Arrivals: The Adventures Of Captain Curt“ von Curtis Harding erscheint am 05.09.2025 bei Anti-/Indigo. (Beitragsbild von Matt Correia)
Roddy McKinnon: Tourist On The Moon
Der gebürtige Glasgower Roddy McKinnon macht hier – wie bereits auf seinen vorherigen Alben „Lucky & Damned“ (2020) und „Time’s A Dog“ (2024) – Songwriter-Folk, der in seiner Zartheit und Zerbrechlichkeit schon zu Herzen geht (ohne auf die Tränendrüse zu drücken), wenn man die Biographie dieses Musikers gar nicht kennt. Und dann liest man dieses Statement zum aktuellen Werk „Tourist On The Moon“ – über das Weitermachen nach einem Schicksalsschlag namens Krebs: „Was ich damit sagen will, ist, dass ich angesichts der Herausforderungen des Lebens, der stürmischen See des Lebens, eine aktive Entscheidung getroffen habe, mich anzupassen, voranzukommen, anstatt untätig zu bleiben und mich meinem Schicksal zu fügen.“
Der knapp 60-jährige, jetzt in der Wahlheimat Frankreich sich erholende Schotte braucht nicht viel, um noble, in Celtic-Folk und Klassik wurzelnde Lieder wie „Paint Me A Rose“, „Dear Planet Blue“, „O Stone Street“ oder „Dancing Shoes“ zu performen: seine feine, fragile Stimme, eine mal reduziert, mal voll tönende akustische Gitarre, und gelegentlich Begleitung durch Andreas Albrecht an Piano, Bass und Schlagzeug. Nicht nur „Twinkling“ (mit Spoken-Wort-Anteilen) versetzt einen Glasgow-Fan wie mich unmittelbar in die raue Metropole am River Clyde. Und auch sonst weiß Roddy McKinnon über die Strecke von 36 Minuten willkommene Erinnerungsbilder im Kopf zu erzeugen. Ein berührendes Album, das genaues Zuhören mit schönen Details belohnt.
Das Album „Tourist On The Moon“ von Roddy McKinnon erscheint am 05.09.2025 bei Silberblick Musik.
Mike Reid & Joe Henry: Life & Time
Ähnlich wie bei McKinnon dürfte es Zuhörern des ersten gemeinsamen Albums dieser vielfach ausgezeichneten US-Singer-Songwriter ergehen. Auch hier werden echte Gefühle ohne billige Sentimentalität oder gar Kitsch transportiert beziehungsweise erzeugt. Man lauscht entspannt und oft angenehm ergriffen der sonoren, leicht angerauten, zutiefst beruhigenden Bariton-Stimme des Country-Veteranen Mike Reid (78) und den instrumentalen Fähigkeiten des renommierten Produzenten Joe Henry (64), der hier mal nicht als Sänger hervortritt wie etwa auf seinem voriges Jahr wiederveröffentlichten Meisterwerk „Civilians“.
Es sind durchweg melancholische, von Henrys Klavier und Gitarre geprägte Folk-Balladen, die diese beiden Meister auf dem schon im Titel nach Alterswerk klingenden „Life & Time“ performen. „Lass uns vom Steg aus in den Nebel hinausfahren und sehen, was wir finden“, sagte Reid zu dem jüngeren Kollegen auf dessen anfängliche Frage nach einer Zusammenarbeit. Durch Dutzende Songs, die sie dann gemeinsam ohne großen Plan schrieben, kamen beide zur Erkenntnis, dass dabei ein Album entstanden war. Ein stilles, reifes Werk, das letztlich mit seiner harmonischen Mischung aus Mike Reids Vocals und Henrys Texten/Arrangements zu einer der klangvollsten, in ihrer Stille auch kraftvollsten Singer-Songwriter-Platten dieses Herbstes geriet – mit zwölf famosen Liedern über das Leben und die Zeit.
Das Album „Life & Time“ von Mike Reid & Joe Henry erscheint am 05.09.2025 bei Work Song Inc./Thirty Tigers.




