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28. Mai 2026Die Sounds & Books-Reviews zu neuen Alben von Ethan Gold, Annie Taylor und Paolo Fresu/David Linx/Gustavo Beytelmann
von Werner Herpell
Vom Singer-Songwriter-Artpop aus den USA (Ethan Gold) über lässigen Alternative- und Punkrock aus der Schweiz (Annie Taylor) bis zum Multikulti-Jazz dreier großer Musiker aus Italien, Belgien und Argentinien (Fresu/Linx/Beytelmann) – die neueste Kurz-und-gut-Zusammenfassung hörenswerter Alben von Sounds & Books bietet eine kleine musikalische Weltreise ohne Genre-Grenzen.
Ethan Gold: Earth City 2 – Nightfolk
Wer 2021 „Earth City 1 – The Longing“ von Ethan Gold entdeckte, durfte sich angesichts des Titels schon auf einen Nachfolger freuen. Und tatsächlich macht der Singer-Songwriter aus Kalifornien nun Ernst und liefert (endlich) Teil 2 seiner versprochenen Trilogie ab. Da entsteht also ein größeres Epos rund um die „Earth City“, und auch wer es mit Konzeptalben nicht so hat, kann bei diesen elf neuen Rockpop-Tracks im Seventies-Style problemlos andocken. Denn Gold komponiert, spielt und singt erneut so zugängliche wie fesselnde Lieder, dass man den erzählerischen Bogen „über den Geist, der darum kämpft, in einer hypervernetzten, aber entfremdeten Welt zu überleben“ (so die Bandcamp-Beschreibung) eigentlich gar nicht braucht.
Da Ethan Gold aus einer Künstler-Familie stammt (sein Vater Herbert war ein bekannter Beatnik-Dichter, sein Bruder Ari ist Filmemacher), sind hohe erzählerische Ambitionen und Mut zum Cinemascope wohl in der Musiker-DNA verwurzelt. Schon der Opener „When The Evening Comes“ begeistert mit einem treibenden Piano-Riff und einem meisterhaften Songvideo in Schwarzweiß (irgendwo zwischen „Metropolis“ und „Der Himmel über Berlin“). Danach findet man auf dem in Berlin, Glasgow, Los Angeles und Nashville entstandenen „Nightfolk“-Album stilistische Verweise auf diverse Glamrock- und Artpop-Helden der 70er („I’m tipping my hat to Iggy, David, Lou“, sagt Gold), aber es wird zum Glück nie epigonal. Die Vorfreude auf „Earth City 3“ ist also geweckt.
Das Album „Earth City 2 – Nightfolk“ von Ethan Gold ist am 22.05.2026 auf Electrik Gold erschienen. (Beitragsbild: Ethan Gold, Pressefoto)
Annie Taylor: Out Of Scale
Nein, Annie Taylor ist nicht der Name einer Sängerin – sondern einer Band. Und die stammt, trotz des durchaus amerikanisch anmutenden Indie-Sounds, nicht aus den unruhigen Staaten, sondern aus der beschaulichen Schweiz. Gleichwohl ist es eine starke weibliche Stimme, die auf „Out Of Scale“ den Ton angibt, nämlich von einer offenkundig ziemlich selbstbewussten Frontfrau namens Gini Jungi (man kann es sich für eine „Eidgenossin“ kaum schöner ausdenken). Kommt schon hin, dass die Album-PR Courtney Barnett und Wet Leg als Referenzen nennt. Zwischen coolem Slacker-Pop („Fire“), modernem Female-Punkrock („Lucidity“), psychedelischem Gitarren-Jangle („The Ocean“) und rauem Grunge („Overload“) geht’s in elf konzentrierten Songs ordentlich zur Sache.
Und es macht wirklich einen Heidenspaß, wie Gini Jungi (Vocals), Tobias Arn (Gitarre), Michael Mutter (Bass) und Daniel Bachmann (Drums) ihren derzeit noch berühmteren Genre-Kollegen ein freches „Grüezi!“ entgegenrotzen. „Out Of Scale“ ist bereits das dritte Album von Annie Taylor, aufgenommen zwischen einer US-Tour des Quartetts und Konzerten in Europa – und so roh und laut und intensiv und im besten Sinne „live im Studio“ hört sich das dann auch an. Ein großer Teil der Musik sei „im Sommer entstanden, als Zürich fast leer war, weil alle in die Ferien verreisten“, heißt es. Und sommerlich klingt dann auch diese Platte – man kann sich gut vorstellen, wie „Alligator“ oder „Silence“ toll lärmig aus offenen Cabrios herausknallen. Ein klasse Alternative-Rock-Scheibe.
Das Album „Out Of Scale“ von Annie Taylor ist am 22.05.2026 auf Clouds Hill erschienen.
Paolo Fresu/David Linx/Gustavo Beytelmann: Trama Latina
Ebenfalls als sommerliche Musik, jedoch eher in der melancholisch-mitternächtlichen mediterranen Form, bezaubert „Trama Latina“, ein außergewöhnlich schönes Album dreier Virtuosen zwischen Folklore und Jazz: der italienische Trompeter Paolo Fresu, Sardiniens Miles Davis; der argentinische Pianist Gustavo Beytelmann; der belgische Sänger David Linx. Der die Platte prägende Begriff „Trama“ stammt aus der Webtechnik und bezeichnete ursprünglich den Faden, der die Stränge beim Weben miteinander verbindet – und als Metapher das Zusammenspiel vieler einzelner Fäden zu einem gemeinsamen Ganzen. Ein solches kunstvolles Geflecht spinnt nun auch „Trama Latina“ aus musikalischen Einflüssen zwischen Europa und Lateinamerika.
Fresu steuerte neben seinem vielgerühmten lyrischen Trompetenton sardische Texte bei (und Celsa Vilafora die brasilianischen), Linx adaptierte englische und niederländische Lyrics, während Beytelmann in seinen Kompositionen an die legendäre Tango-Welt Astor Piazzollas und an die zarte Brasil-Musik eines Milton Nascimento anknüpfte. Das Trio-Album sei „eine Hommage an Lateinamerika, an seine Diaspora und an den Einfluss, den sie auf uns hatte und noch immer hat“, sagt Linx, der die Lieder mit fabelhafter Intensität und Sensibilität interpretiert. Und er fügt einen Gedanken hinzu, der in diesen Zeiten der globalen Spaltung besonders wichtig ist: „Der Einfluss anderer Kulturen auf uns kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es ist ein Prozess des Wachstums in jeder Hinsicht.“
Das Album „Trama Latina“ von Paolo Fresu/David Linx/Gustavo Beytelmann ist am 22.05.2026 bei tuk Music erschienen.




