„Kunst ist keine Tageszeitung“ – Sven Regener im Interview

„Kunst ist keine Tageszeitung“ – Sven Regener im Interview

Sven Regener hat mit Richard Pappik und Ekki Busch eine Jazz-Platte aufgenommen. Im Interview spricht er über die Ideenfindung in Pandemiezeiten, das Wildern in fremden Revieren und die Kunstpolizei.

Mit seinen Element-Of-Crime-Kollegen Richard Pappik und Ekki Busch hat Sven Regener ein Jazz-Album eingespielt. „Ask Me Now“ erscheint am 05.03.2021 bei Universal und enthält zwölf Standards von u.a. John Coltrane, Thelonious Monk, Dizzy Gillespie, Billie Holiday, Charlie Parker. Sounds & Books-Mitarbeiter Sebastian Meißner unterhielt sich im Verfeld der Veröffentlichung telefonisch mit Sven Regener über dieses Projekt. Wir wünschen viel Vergnügen mit unserem

Interview mit Sven Regener

Hallo Sven, euer Album „Ask me now“ erscheint mitten im Lockdown. Ist das Album ein typisches Pandemieprojekt, das schon lange in der Schublade lag und jetzt endlich realisiert werden konnte?

„Nein, ich hatte schon im Sommer 2019 angefangen, mich mal wieder auf der Trompete mit Jazz zu beschäftigen, was ich seit Mitte der 80er Jahre kaum noch getan hatte. Ich hatte damals mit Busch und Pappik schon erste Stücke für dieses Projekt geprobt, wir sind dann aber durch die Corona-Sause ausgebremst worden. Als es dann im Sommer 2020 kurzzeitig möglich war, haben wir das Album im Studio aufgenommen. Wir wollten es also eh machen. Ich glaube auch nicht, dass man sich von Viruspandemien die Arbeit diktieren lassen sollte. Das bringt nichts. Da kommt nichts Gutes bei rum.“

Ich habe den Eindruck, dass irgendwie erwartet wird, dass Künstler gerade jetzt kreativ aktiv sind, weil ja so viel Zeit da ist. Ist nicht genau das Gegenteil der Fall?

„Ach, nach meiner Erfahrung ist das immer ziemlich gleich. Für mich sind Werke in der Kunst wie Gras. Sie kommen nicht schneller, wenn man dran zieht. Bloß weil die Zeit da ist, heißt es nicht, dass gute Ideen kommen. Also ich bin einer, der auf Ideen warten muss oder durch Beschäftigung auf Ideen kommt. Und erst dann kann man dem folgen.“

Kommen wir zur neuen Platte, auf der ihr Jazz-Standards vertont. Ich finde, dass es trotz der neuen musikalischen Ausrichtung und der verkleinerten Besetzung deutliche Parallelen gibt zu Element of Crime. Steckte schon immer mehr Jazz in Element of Crime, als man so allgemein wahrgenommen hat?

„Weiß ich nicht. Also ich glaube, es gibt eine Platte, wo es vielleicht etwas auffälliger war. Das war die „Lieblingsfarben und Tiere“. Aber ich würde den Zusammenhang zu Element of Crime nicht unbedingt herstellen. Das wäre auch schwierig. Denn Element of Crime ist eher Rock bzw. Folkrock mit Texten und hier machen wir nonverbale, reine Instrumentalmusik. Das ist ein großer Unterschied. Was allerdings das verbindende Element ist, das ist die Liebe zu Melodien und zu Songs. Manche Stücke auf „Ask Me Now“ sind ja direkte Songs wie „Round Midnight“, „Ask me now“ oder „Nature Boy“ und die anderen muten zumindest so an. Manche haben dieses Blues-Schema, was ja auch im Rock’n’Roll eine große Rolle spielt. Es ist also nicht ganz zufällig, dass wir solche Stücke bevorzugen.“  

Ihr interpretiert unter anderem Stücke von Schwergewichten wie Coltrane, Monk und Parker. Habt ihr keine Angst vor der Musikpolizei?

„Nein, eigentlich nicht. Wir wollen diese Stücke ja nicht ins Grab legen, sondern sie ehren und spielen. Dafür sind die gemacht. Und ein gutes Stück ist ein gutes Stück. Die sind ja extra veröffentlicht worden, damit jeder sie spielen kann. Und das machen wir dann eben. Das sind unsere Interpretationen dieser Stücke. Das kann man blöd finden oder nicht. Aber ich hab noch nie vor einer Kunstpolizei Angst gehabt und musste ich auch nie. Und letztendlich ist es die Liebe zur Sache, die einen trägt. Und von dieser Liebe ist unser Umgang mit diesen Stücken geprägt.“

Nun bist du ja in erster Linie bekannt für deinen Umgang mit Worten. Was kannst du denn mit der Trompete ausdrücken, was mit Worten nicht geht?

„Das ist ja genau der Punkt. Wenn man das dann mit Worten beschreiben könnte, wäre es ja nicht so. Das ist das Paradoxon dabei. Ich glaube, die Trompete ist vielleicht meine andere Stimme. Die schönere vielleicht sogar, in jedem Fall die lautere. Und damit kann ich Dinge machen, die ich mit der normalen Stimme nicht mache. Das ist schwer zu sagen. Die Trompete ist ein sehr individuelles Instrument. Je nachdem, wer sie spielt, klingt sie immer anders. Und das bedeutet, dass es mit einem selber viel zu tun haben kann.“    

Bei Jazztrompete denken die meisten an Miles Davis, Chet Baker, Dizzy Gillespie und Lee Morgan. Welcher Trompeter ist denn für dich besonders interessant?

„Als ich mit 15 Jahren angefangen habe, Trompete zu spielen, war ich vor allem sehr großer Fan von Louis Armstrong und Miles Davis. Später habe ich dann eine große Liebe für Lester Bowie entwickelt, den ich sehr beeindruckend fand. Das ist eher ein lauter und brutaler Trompeter, der in sehr starken Extremen arbeitet. Das ist jemand, den ich immer sehr, sehr toll fand. Aber ich will da gar keinen Zusammenhang zu meinem Spiel herstellen. Das wäre vermessen. Generell nützt es ja nichts, jemandem nachzueifern. Man muss schon seinen eigenen Weg finden. Ich muss auch sagen, dass mein Trompetenlehrer damals in Bremen ein wahnsinnig toller Trompeter war. Der hat mich auch sehr beeinflusst, auch mit seiner undogmatischen Herangehensweise an die Musik überhaupt. Das war ganz toll.“

Das ist ja vielleicht auch ein allgemeines Missverständnis, dass Jazz eine verkopfte Altherrenmusik ist…

„Jazz ist einfach ein ganzer Kosmos. Schon in den Anfängen gab es die einen, die in Bordellen gespielt haben und andere, die das auskomponiert haben. Es gab da also beides: diese akademische Strömung und diesen wilden Unterschleif, wo die Leute sehr frei damit umgingen. Jazz-Musik kann also eine sehr freie Musik sein, aber sie kann auch – zum Beispiel in Big Bands – sehr streng ausformuliert und hierarchisch geführt werden. Also alles ist möglich. Und deshalb kann man das wahrscheinlich gar nicht verallgemeinern.“

Die Stücke auf „Ask Me Now“ stammen überwiegend aus den 1940er und 1950er Jahren. Das jüngste Stück stammt aus den 60ern. Ist denn danach nichts mehr passiert, was für euch interessant gewesen wäre?  

„Doch, aber das hat keine spezielle Absicht. Wir waren schon darauf aus, sowas wie Standards zu spielen, also Stücke, die man auch kennt. Weil wir eigentlich ja auch sozusagen Wilderer im fremden Revier sind. Am Ende sind die Stücke auf dem Album gelandet, bei denen wir von uns die besten Ergebnisse sahen. Aus welchem Jahrzehnt sie stammen, war uns dabei egal.“

Jazz ist ja auch vom Prinzip her darauf ausgelegt, immer wieder neu entdeckt, bespielt und verformt zu werden. Das ist ja ein grundlegender Unterschied zu Rockmusik.

„Auf jeden Fall. Bei Rockmusik spricht man von Coverversion. Auf die Idee kommt man im Jazz gar nicht. Im Jazz spielt der Komponist nicht so die große Rolle. In der Rockmusik ist das anders. Da hat sich seit den 1960er Jahren eigentlich so eine Art Autorenfilm-Sichtweise durchgesetzt. Diejenigen, die die Songs singen, schreiben sie auch selber. Im Jazz muss das nicht so sein.“

Kann man sagen, dass deshalb Jazz besser vor dem Altern geschützt ist?

„Naja, keine Musik ist vor dem Altern geschützt. Aber keine Musik verschwindet auch ganz. Immer wenn der öffentliche Fokus im allgemeinen kulturindustriellen Bewusstsein woanders drauf liegt, dann denken viele, die sonstigen Dinge wären weg, aber das ist nie so gewesen. Es gab Zeiten, da dachte man, Bob Dylan wäre weg vom Fenster oder, was weiß ich, Heavy Metal oder so. In Wirklichkeit war das die ganze Zeit da. Bloß weil man nicht merkt, dass im Wald ein Baum umgefallen ist, heißt das nicht, dass er nicht umgefallen ist. Also ich glaube, Jazz-Musik wird es immer geben. Und es gibt alle möglichen Methoden, an diesem großen Pullover mitzustricken.“

Was ist denn für dich persönlich leichter zu spielen: Was Ruhiges wie „Don’t Explain“ oder eine Uptempo-Nummer wie „Bunko“?

„Beides gehört zusammen. „Regener Pappik Busch“ ist aber kein Projekt mit Bebop- oder Hardbop-Vorliebe. Ich denke, dass wir grundsätzlich bei allem, was eher Richtung Ballade geht, mit unserem Background stärker sind.“

Wollt ihr denn auf Tour mit dem Trio?

„Keine große Tour im engeren Sinne mit 30 Terminen oder so, aber ich glaube, ein paar Gigs sollten wir mit dieser Sache machen. Ich will einfach wissen, wie das ist. Weil ich so eine Art von Konzert, bei dem es vor ausschließlich um Instrumentalmusik geht, seit 1983 nicht mehr gemacht habe. Und wer weiß, wenn das richtig Spaß macht, wird das vielleicht mehr. Aber wir brauchen jetzt auch nicht gleich eine zweite Karriere aufzubauen.“

Ich möchte noch einmal auf die besonderen Umstände in Zeiten der Pandemie zu sprechen kommen. Wir erleben aktuell ja eine gesellschaftliche Spaltung. Es gibt Leugner und Befürworter und insgesamt sind die Zeiten gefühlt ungemütlich. Wäre das nicht auch ein guter Zeitpunkt gewesen für ein wütendes Album?

„Ach, wenn man ein wütendes Album machen will, ist jeder Zeitpunkt recht. Aber das spricht nicht gegen dieses Album. Es gibt da keine Regeln und keine Verpflichtungen. Kunst ist ja keine Tageszeitung. Und nichts ist so alt wie die Tageszeitung von gestern. Wenn es bei Kunst darauf ankäme, dass sie vor allem aktuell sei, dann wäre sie nur der verlängerte Arm des Journalismus. Das wäre ja auch schade. Man kann ja nicht alles von allen erwarten.“

Wird eure Erfahrung mit diesem Album die Arbeit mit Element of Crime verändern oder betrachtest du beide Projekte getrennt? 

„Element of Crime ist wie so eine Naturgewalt für uns alle. Wenn wir das machen, dann hat das seinen eigenen Willen. Wie ein Ungeheuer, das mit uns dahin geht, wo es hingehen will, da haben wir weniger Einfluss, als wir uns manchmal wünschen würden. Sicher, alles, was wir tun, verändert uns. Das hat sicher alles auch irgendwie einen Impact auf das, was wir tun. Aber Element of Crime merkt man das nicht an. Das ist so ein großes Ding geworden und so sehr mit seinen eigenen Regeln und in seinem eigenen Recht. Das steht für sich.“

Letzte Frage: Welches Lester Bowie-Stück sollte ich hören, um auf den Geschmack zu kommen?

„The Great Pretender. Seine Version von einem alten Doo-Wop-Song. Alles von ihm ist gut, aber das ein besonders starker Einstieg.“

(Beitragsbild: Sven Regener von Gérard Otremba)

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