Katerina Poladjan: Zukunftsmusik

Katerina Poladjan credit Andreas Labes

Katerina Poladjan spielt mit Hoffnung und Sprache in ihrem aktuellen Roman “Zukunftsmusik”

Am 10. März 1985 stirbt Konstantin Tschernenko, Generalsekretär der KPdSU und Staatsoberhaupt der Sowjetunion. Der Roman “Zukunftsmusik” setzt einen Tag später am 11. März ein, als mit dem Trauermarsch über das Radio den Sowjetbürger*innen der Tod des Generalsekretär mitgeteilt wird. Dass Katerina Poladjan den Trauermarsch als Zukunftsmusik umdeutet, zeigt ihre Schreib-Finesse und ihren Humor bereits ganz gut. Und so tauchen die Leser*innen in eine noch nicht ganz post-sowjetische Kommunalka irgendwo in Sibirien ein.

Die Kommunalka als gesellschaftliches Brennglas

Katerina Poladjan Zukunftsmusik Cover S. Fischer Verlag

Obwohl alle in der Kommunalka auf zu engem Raum leben und jede*r jede*n beobachtet, wissen die Bewohner nicht immer viel übereinander. Geheimnisse bleiben geheim und Unaussprechliches wird nicht gesagt. Vier Frauengenerationen wohnen in einem Zimmer und teilen mitunter unfreiwillig ihre Kleider, aber loslassen können sie einander nicht.  Der 11. März ist dabei wie ein Frühlingstag, der noch winterlich kalt ist und dennoch eine Ahnung von Wärme und Sonnenschein in sich trägt. Noch immer aber ziehen die Bewohner*innen der Kommunalka Handschuhe und Pelzmütze auf, wenn sie ihrer Wege gehen. Wohin diese Wege führen, ist vor allem der jungen Generation nicht ganz klar und sie scheint genau das zu genießen. Janka schiebt Nachtschichten und spielt Gitarre, will ihre Hoffnungen während eines abendlichen Konzerts an die Wand singen, noch “viele verschiedene Münder küssen” und vergisst dabei die kleine Tochter Kroschka im Kindergarten abzuholen.

Die Sowjetära ohne Männer und Väter

Kroschka hat potentiell zwei Väter und ist überhaupt Kind aller: der Großmutter Maria und Urgroßmutter Warwara, die sich um sie kümmern und versorgen, wenn Janka unterwegs ist, auch ein wenig des Ingenieurs Matwej Alexandrowitsch, der mit seinen eigenen Sorgen genug zu tun hat und diese fein säuberlich in Kästchen sortiert. Überhaupt ist die Entstehung der kleinen Kroschka ein Kapitel für sich, in dem der Zauber eines unbeschwerten Sommers, das Spiel zwischen Janka, Andrej und Pawel nach Untergang der Sonne sehr ernst wurde. “Jemand hielt ihr den Mund zu. Sie versuchte, in die Hand zu lachen, sie versuchte es lustig zu finden, denn es war ja aufregend…” So wird aber diese Nacht nie wieder besprochen oder als das zu Ende gedacht, was sie ist. Janka nur beschließt für ihre Tochter keinen Vater zu brauchen.

Katerina Poladjan schreibt ein liebevolles Drama

Was das besondere Schreiben von Poladjan ausmacht, ist das feine Sprachspiel der Autorin, das  manchmal an Tschechows Dramen erinnert: “Janka klopfte ihr Kopfkissen auf. Ich sehe eine große Dunkelheit kommen. Warwara Michailowna nahm das Tablett mit den Teetassen. Unsere Janka spricht heute wieder in Rätseln.” Mit großer Liebe schaut sie auf ihre Protagonist*innen, die sie großzügig  mit Ecken und Kanten ausgestattet hat. Auch die Tür zu wunderbar fantastischen Szenen a la “Meister und Margarita” öffnet sie kurz und fast beiläufig. Dort blitzen dann die Möglichkeiten auf, die zum Himmel stürmen und diese Möglichkeiten befeuern noch einmal die vielleicht unsinnige Hoffnung auf Veränderung, an die aber keine mehr so richtig glaubt.

Katerina Poladjan: “Zukunftsmusik”. S. Fischer, 2022, Hardcover, 185 Seiten, 978-3-10-397102-6, 22 Euro. (Beitragsbild von Andreas Labes)

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