Kamasi Washington: Heaven & Earth – Album Review

Kamasi Washington: Heaven & Earth – Album Review

Himmel auf Erden

Die kleine Geste ist nicht sein Ding. Kamasi Washington denkt in XXL-Maßstäben. Er leitet eine zehnköpfige Band, ein 32-köpfiges Orchester und einen zehnköpfigen Chor, sein Triple-Album-Debut nannte er „The Epic“ und als Vorbilder nennt er John Coltrane, Charlie Parker und Wayne Shorter. Kamasi Washington, 37 Jahre alter Tenorsaxofonist aus Los Angeles, wirkt scheu und zurückhaltend. Doch umgeben von seiner Band wird er zum Leader, zum Vulkanausbruch, zu einem, der Anhänger der goldenen Jazz-Ära mit Hip-Hop-Fans und Hipstern vereinen kann.

Auch beim Nachfolger gilt: Klotzen statt Kleckern. „Heaven & Earth“ ist ein Monster von Album.  Ein mächtiges Werk mit zwei thematischen Seiten, beide jeweils acht Stücke lang. Washington hat für diese Aufnahmen nicht weniger als 50 Musiker um sich versammelt und führt den auf dem Debüt eingeschlagenen Weg mit Elementen aus Jazz, Soul, Gospel, Funk und Psychedelia konsequent fort.

Kamasi Washington Heaven & Earth Albumcover Young Turks„Earth“ ist die insgesamt quirligere, agilere der beiden Hälften. Alle Stücke darauf pendeln sich bei einer Spielzeit zwischen neun und zehn Minuten ein. Besonders beeindruckend ist der Opener „Fists Of Fury“, in dem das Kollektiv alles auffährt, was es zu bieten hat: Band, Chor, Orchester.  Nicht nur im dichten Zusammenspiel, vor allem in den Soli hört man die enorme Qualität dieser Truppe. Ebenfalls nachhaltig im Gedächtnis bleiben „The Invincible Youth“, in dem vor allem Washington selbst mit seinem melodischen und kraftvollen Spiel überzeugt. Das als Groove-Jam angelegte „One Of One“ ist ein opulent und mit reichlich Pathos ausstaffiertes Energiebündel. Alle Achtung: So etwas muss man erst einmal im Studio einfangen.

„Heaven“ erscheint im Vergleich dazu geradezu reduziert und aufgeräumt. „Song For The Fallen“ zum Beispiel stellt ohne große Ablenkung das in Moll gehaltene Thema in den Fokus. „Journey“ ist in seiner Form zwar vogelfrei, setzt aber ebenfalls mehr auf Atmosphäre als auf überbordende Virtuosität. Lediglich im an Pharoah Sanders erinnernden „Show Us The Way“ türmt sich das Kollektiv hoch auf, ganz so, als wolle es direkt in den Himmel einfahren. Pathos ist eben ein fester Bestandteil dieser Musik.

Die 16 Songs dieser Veröffentlichung verschmelzen die Gegenwart mit der Zukunft und schaffen einen der Zeit völlig entkoppelten Kosmos. „Heaven And Earth“ droht einen manchmal zu erschlagen, zu überfordern oder zu verängstigen. Wer aber dranbleibt und eintaucht, kommt in den Genuss der freiesten und abenteuerlichsten Aufnahmen im Jazz, die es seit langem gegeben hat. Kompositionen voller Zitate und Reminiszenzen an die Idole vergangener Tage, voller Anspielungen und Mehrdeutigkeiten, voller Hingebung und Widmung. Washington versteht sich als spiritueller und politischer Künstler. Er spricht durch die Musik über die großen Themen. Und Kamasi Washington und seinen Mitstreitern ist die schlüssige Weiterentwicklung von „The Epic“ geglückt. „Heaven And Earth“ ist ein Album, dessen Wirkung und Einfluss vielleicht erst in ein paar Jahren zu messen sein wird. Ganz, ganz groß!

„Heaven & Earth“ von Kamasi Washington erscheint am 22.06.2018 bei Young Turks / Beggars Group.

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