Justin Steinfeld: Ein Mann liest Zeitung – Roman

Justin Steinfeld: Ein Mann liest Zeitung – Roman

Der Frankfurter Schöffling-Verlag hat den einzigen, aber sensationellen Roman des Publizisten Justin Steinfeld neu aufgelegt

Als der Roman „Ein Mann liest Zeitung“ von Justin Steinfeld 1984 erstmals, posthum und leicht gekürzt im Neuen Malik Verlag erschien, hagelte es positive Kritiken. Ob Spiegel, Hamburger Abendblatt, Süddeutsche Zeitung, Neue Züricher Zeitung oder das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, alle Kollegen stuften das Buch ähnlich stark ein wie Hannes Schwenger von RIAS Berlin, der darin „eines der Hauptwerke des deutschen Exils“ sah. Dank des Schöffling-Verlags hat man nun die zweite Chance, den einzigen Roman von Justin Steinfeld wiederzuentdecken. Zweifellos kann man sich der Wertigkeit der im von Herausgeber Wilfried Weinke verfassten Nachwort zitierten Rezensionen nur anschließen.

Mit „Ein Mann liest Zeitung“ führt der Frankfurter Schöffling-Verlag die Tradition fort, zu Unrecht vergessene deutschsprachige Romane des 20. Jahrhunderts neu aufzulegen. Man denke in diesem Zusammenhang nur an die brillanten Romane „Die Studenten von Berlin“ von Dieter Meichsner und „Herrn Brechers Fiasko“ von Martin Kessel, nur um zwei dieser Wiederentdeckungen zu nennen.

Das Leben des Justin Steinfeld

Justin Steinfeld Ein Mann liest Zeitung Cover Verlag Schöffling & Co.

Justin Steinfeld wurde 1886 in Kiel geboren und wuchs ab 1892 in Hamburg auf. In der Hansestadt wirkte er bis 1933, als er sich wegen seiner jüdischen Herkunft sowie seines politischen Engagements gezwungen sah, vor den Nationalsozialisten zu fliehen. Nach einer Kaufmannsausbildung und der Teilnahme am Ersten Weltkrieg setzte Steinfeld in den 20er-Jahren seinen Vorsatz um, publizistisch tätig zu werden. Er arbeitete für die Allgemeine Künstler-Zeitung, deren Herausgeber er ab 1926 wurde und die ab Ende 1927 unter dem Titel Die Tribüne erschien, ein kulturpolitisches Organ mit stark antinationalsozialistischem Einschlag. Nach der Machtübernahme der Nazis schlug er sich bis nach Prag durch, von wo er 1939 – nach dem Einmarsch der deutschen Truppen – nach England floh. Während seines Prager Exils schrieb er u.a. Kolumnen für verschiedene Zeitschriften über die politischen Zustände im Nazi-Reich und begann an seinem mit „Ursachen und Wirrungen“ betitelten Prosawerk.

Ein Kaffeehaussitzer als Mittelpunkt

In dem dann vierzehn Jahre nach seinem Tod unter „Ein Mann liest Zeitung“ veröffentlichten Roman steht der jüdische Kaufmann Leonhard Glanz im Mittelpunkt des Geschehens. Der ehemalige Kaufmann Leonhard Glanz muss es richtigerweise heißen, denn seine Hamburger Firma wird nun von seinem arischen Prokuristen geleitet, der Glanz wegen angeblicher Devisenvergehen angezeigt hat. Steinfelds Protagonist indes sitzt reichlich mittellos in einem Prager Café im Exil und liest die Tagespresse. Ein Kaffeehaussitzer wider Willen und von der Historie zu einem solchen bestimmt. Glanz wird vom Autor ständig als „mittelmäßiger“ und „durchschnittlicher Mann“ bezeichnet und dient Justin Steinfeld als Projektionsfläche und Ausgangspunkt für einen wirbelnden, assoziativen Gedankenstrom. Steinfeld erzählt aus auktorialer Sicht, tritt aber auch mit seiner hilflosen Hauptfigur in Dialog, wechselt zwischenzeitlich in deren Perspektive, kommentiert, zitiert, breitet Themen aus und gleitet immer wieder in historische Exkursionen.

Justin Steinfeld ehrt Hans Henny Jahnn

Geschehnisse der 30er-Jahre wie der Spanische Bürgerkrieg und Mussolinis Kriege in Nordafrika sind genauso Gegenstand von Steinfelds faszinierenden, sprachlich expressiven Ausführungen wie Ereignisse aus dem Hamburg der 20er-Jahre. Darunter eine seitenlange Eloge auf seinen Freund und Kollegen Hans Henny Jahnn. Justin Steinfeld balanciert hervorragend mit zum Sarkasmus und Zynismus neigender Ironie, berauscht sich an Wortwitz und  Wortspiel („Während man in die opportunistische Zeitung für den Familiengebrauch in den Spalten ihres politischen Teils, im politischen Teils ihrer Spalterei, im politischen Spalt ihrer Teilung, einmal wieder die Nachrichten des Als-Ob gibt, ist in ihre Redaktion der furchtbare Ernst der Situation eingetreten.“) und vermischt die eigene Biographie mit der seines Protagonisten.

Das Sinnieren über das eigene erlittene Unrecht sowie die Angst vor der ungewissen Zukunft des Leonhard Glanz prallen auf allmächtige, weltverändernde Geschehnisse. Justin Steinfeld kehrte nicht mehr nach Deutschland zurück und starb – als Publizist vergessen – im britischen Exil. Mit diesem außergewöhnlichen Buch rückt ihn der Schöffling-Verlag verdientermaßen wieder ins Bewußtsein. Ein grandioses Stück deutscher Literaturgeschichte wird wieder erfahrbar.

Justin Steinfeld: „Ein Mann liest Zeitung“, Schöffling & Co., herausgegeben und mit einem Nachwort von Wilfried Weinke, Hardcover, 528 Seiten, 978-3-89561-068-4, 28 Euro (Beitragsbild: Buchcover)

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