Julian Barnes: Kunst sehen – Kunstgeschichten

Julian Barnes: Kunst sehen – Kunstgeschichten

Aus der inoffiziellen Rubrik „Sieh Gutes und schreib darüber“ sei hier ganz offiziell Julian Barnes` neues Werk präsentiert

Ein herausragender Wesenszug von Sprache ist ja bekanntermaßen, dass sie, entsprechend angewandt, Bilder zu erzeugen und zu transportieren imstande ist. Auch Julian Barnes weiß darum. Vor allem aber darum, wie das zu bewerkstelligen ist. Und bewerkstelligt los. Kann man nachlesen. In etlichen Werken. Bekanntestes wohl Flauberts Papagei“, letzterschienenes definitiv „Die einzige Geschichte“. Dazwischen ein beeindruckender Plural an Romanen, Kurzgeschichten, Essays und Auszeichnungen. Einiges an literarischen Trophäen zu polieren also, im Hause Barnes.
Als ehemaliger Lexikograph, Journalist und gefeierter Autor weiß Julian Barnes natürlich um der Sprachen Anwendungsmöglichkeiten und Wirkbreite. Als schon immer Kunstinteressierter zudem, dass nicht nur mittels Sprache Bilder entstehen können, sondern dass (und wie) das Ganze auch andersrum funktioniert. Dass also am Anfang nicht das Wort, sondern das Bild war – das dann wiederum zu Wort wird, aus dem Bild entsteht.

Mit Kura(u)tor Julian Barnes Kunst sehen

So geschehen und gelesen in „Kunst sehen“, Julian Barnes‘ aktuellem Werk: einer Sammlung von Aufsätzen des Autors über seine Lieblingskünstler. Ein Buch voller  Kunstgeschichte(n) über deren Werke, Leben und Exzentrik, über die Modelle und deren oftmals kompliziertes Verhältnis zu ihren Malern sowie über Autoren, die sich mit den Malern beschäftigen. Dass sich im Buch nur männliche Lieblingskünstler finden, mag am persönlichen Geschmack des Autors liegen oder an restriktiven Verlagsvorgaben, das Geschlecht der Kunstschaffenden betreffend. Oder daran, dass Malen, im Gegensatz zu Modellsitzen, zwischen Romantik und Postmoderne Männersport war / ist. So oder so – es fällt auf.

Was auch auffällt, ist, wie genau Julian Barnes beobachtet. Wie er analysiert. WieJulian Barnes Kunst sehen Cover Kiepenheuer & Witsch er in Zusammenhang setzt, beschreibt, dekonstruiert und rekunstruiert, interpretiert, informiert, stets mit biografischen Anekdoten unterhaltend – wie er Kunst sieht, sie weiterdenkt, Position zu Werken und Künstlern bezieht und dabei, zwischen Malerei und Literatur changierend, seinen eigenen (Sprach)Bildband kuratiert. Die Originale der 17 darin enthaltenen, überwiegend als Auftragsarbeiten verfassten Texte erschienen zwischen 1990 und 2013 in verschiedenen Publikationen. In „Kunst sehen“ gibt es sie jetzt als chronologisch nach Künstlern geordnete Sammlung – formal quasi Reihenhängung zwischen Buchdeckeln. Beginnend mit A wie Géricault, über Manet und Cézanne, weiter zu Degas und Braque und Magritte, bis hin zu Freud und schließlich zu Z wie Hodgkin. Dabei ist Kunst sehen“ keineswegs nur ein Buch für Menschen mit entsprechender Expertise – sondern auch für jene, die nicht viel über Kunst wissen. Außer entsprechendem Interesse, ohne das man kaum zu Kunst sehen“ gegriffen haben würde, setzt Barnes nichts voraus, so dass Laien und Nicht-Laien gleichermaßen Genuss aus den Essays ziehen können.

Lecker Kunstmarinade fürs Hirn 

Um die Informationen so richtig wirken zu lassen, stellt es sich als hilfreich heraus, das Buch zwischendurch mal wegzulegen. Schließlich ist Kunst sehen“ so etwas wie ein umfassender, kura(u)torengeführter Ausstellungsbesuch. Und mal ehrlich: Wie viel Zeit am Stück verbringt Mensch vor einem Exponat, und sei es noch so beeindruckend; wie lang verweilt Mensch durchgehend in einer Ausstellung, sei diese noch so einzigartig, noch so überwältigend und von noch so großem Interesse? Eben. Nicht selten ist es ja weniger die Schließzeit des kunstbeherbergenden Ortes, die zum Gehen veranlasst, sondern eine urplötzlich auftretende museale Müdigkeit temporären Charakters. Oder Harndrang. Oder auch, wie Julian Barnes es trefflich formuliert, die Korrelation zwischen persönlichem Blutzuckerspiegel und ästhetischem Vergnügen“, vor denen selbst ein flinker und erfahrener Ausstellungsbesucher“ nicht gefeit ist.

Also: Päuschen. Und dann, wenn man erneut Kunst-Druck bekommt, einfach wieder zur Hand zu nehmen. Oder mit in die nächste Ausstellung.

Julian Barnes: „Kunst sehen“, Kiepenheuer & Witsch, aus dem Englischen von Gertraude Krueger und Thomas Bodmer, Hardcover mit Schutzumschlag, 352 Seiten, ISBN: 978-3-462-04917-6, 25 € (Beitragsbild: Credit Kiepenheuer & Witsch, Bild Urszula Soltys)

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