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28. Januar 2026Im Oktett mit gleich drei Sängerinnen erweitert die Pianistin Julia Hülsmann ihren Sound entscheidend
Mit „While I Was Away“ schlägt Julia Hülsmann nach der vielbeachteten Reihe ihrer Quartett-Alben einen neuen, deutlich erweiterten musikalischen Weg ein. Die Pianistin bleibt dabei zwar ihrer kompositorischen Handschrift treu, die – wie Jazzwise es formulierte – stets von großem Respekt vor der Melodie geprägt ist und dadurch Tiefe sowie Nachhaltigkeit gewinnt. Zugleich aber variiert sie ihr Klangspektrum deutlich: Denn das neu formierte Oktett verbindet ein klassisches Trio aus Violine, Cello und Klavier mit dem Kern eines Jazztrios und drei sehr unterschiedlich geprägten Gesangsstimmen. Diese Besetzung verleiht dem Album eine melancholische, besinnliche Grundstimmung, die sich wie ein roter Faden durch die insgesamt zehn Stücke zieht und Raum für Reflexion ebenso wie für klangliche Abenteuer lässt.
Farbenreiche Zeichen
Hülsmanns Arrangements sind dabei von bemerkenswerter Feinfühligkeit. Kammermusikalische Transparenz, brasilianisch inspirierte Rhythmen, erzählerische Songformen und Phasen dichter, freier Improvisation greifen organisch ineinander. Das eröffnende „Coisário De Imagens“ setzt mit seinem fließenden Baião-Groove und Aline Frazãos eindringlicher Stimme sofort ein farbenreiches Zeichen. Auch „Hora Azul“, mit Frazãos portugiesischem Text, unterstreicht das zentrale Anliegen des Projekts: die individuellen kulturellen Hintergründe der Beteiligten hörbar zu machen, ohne den Zusammenhalt des Ensembles zu gefährden. Vielmehr entsteht aus der Vielfalt ein geschlossenes, schlüssiges Klangbild.
Neue Ästhetik
Die drei Sänger und Sängerinnen prägen das Album mit klar unterscheidbaren, sich jedoch ergänzenden Persönlichkeiten. Live Maria Roggen bringt auf Stücken wie „Felicia’s Song“ und „Moonfish Dance“ eine nordische Erzähldichte ein, die von den elegant verwobenen Linien von Violine und Cello getragen wird. Besonders reizvoll ist der Brückenschlag zwischen Hülsmanns früherem Quartettsound und der neuen Oktettästhetik in „Walkside“. Michael Schiefel wiederum verleiht dem Album mit seiner intensiven, musiktheatralischen Präsenz eine zusätzliche dramatische Dimension – etwa in „You Come Back“ oder seiner eigenen Ballade „Iskele“, die in einer nächtlichen, traumhaften Atmosphäre endet. Zu der Atmosphäre trug offenbar auch das traditionsreiche Hansa-Studio in Berlin bei, wo die Stücke allesamt aufgenommen wurden.
Julia Hülsmanns große Wirkung
Selbst bei der Neuinterpretation von Ani DiFrancos „Up Up…“ bleibt die Musik stets im Fluss, indem Improvisationen zunächst behutsam aus der Songform herauswachsen und sich dann allmählich wieder in sie zurückziehen. Insgesamt überzeugt das Album durch sein fein austariertes Zusammenspiel, seine nachdenkliche Grundhaltung und die reife Selbstverständlichkeit, mit der Julia Hülsmann ihr stetig wachsendes Œuvre um eine weitere, sehr überzeugende Facette bereichert.
„While I Was Away“ von Julia Hülsmann Octet erscheint am 30.01.2026 bei ECM Records. (Beitragsbild von Sally Lazic)





