Johnny Cash: Songwriter

Johnny Cash Pressefoto credit Universal Music

„Songwriter“ bietet einen Blick ins Alternativ-Universum, in dem Johnny Cash nicht Rick Rubin begegnet wäre.

von Michael Thieme

Cash-Filius sowie Nachlassverwalter John Carter Cash kredenzt uns mit „Songwriter“ einen, Fans der Marvel-Comics werden es kennen, „What If“-Moment besonderer Art. Cash seniors künstlerisch wie kommerzieller Neu-Aufstieg unter der Ägide von Rick Rubin dürfte bekannt sein – die 1994 begonnene „American Recordings“-Reihe glänzte mit superben Neukompositionen sowie, vor allem, grandiosen Coverversionen von Stücken von Songwritern wie Nick Cave oder Trent Reznor. Bisher nicht bekannt war die Tatsache, dass der Anfang der Neunziger verehrte, jedoch erfolglose Johnny Cash einige Demos für ein neues Album eingespielt hatte, für das sich jedoch keine Plattenfirma fand.

Diese Stücke – ausnahmslos Cash-Kompositionen, ein paar

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wenige allerdings bereits früher veröffentlicht – hat Cash junior nun ans Licht gezogen und mit neuen Backings versehen. So hören wir beispielsweise Dan Auerbachs Gitarre bei „Spotlight“ oder Vince Gills Stimme bei „Poor Valley Girl“. Verdiente Mitstreiter des Man In Black wie Marty Stuart, David Roe oder Pete Abbott sind ebenso auf „Songwriter“ zu hören.

Keine Leichenfledderei

Johnny Cash Songwriter Cover Universal Music

Im Gegensatz zum konzeptionell ziemlich misslungenem „Johnny Cash And The Royal Philharmonic Orchestra“ offenbart sich „Songwriter“ als eine echte Perle im Nachlass des Country-Großmeisters.  Wenn auch nicht mit der Konsequenz, mit der Rubin die „American Recordings“ als Reduktion auf die Essenz des Hünen mit dem steineerweichenden Bariton konzipierte, ließ Produzent John Carter Cash ebenso in erster Linie die Stimme sowie Erzählweise seines Vaters im Vordergrund. Die Soundtrack ist zwar fülliger, dabei allerdings äußerst diskret. Ein Vergleich lohnt sich bei „Drive On“, einem Stück, welches es auch auf die „American Recordings“ geschafft hat – dort ausschließlich Cash, seine Stimme und Gitarre, bei „Songwriter“ mit einem dezenten, an Hubschrauber gemahnenden Intro sowie deutlich mehr Hall auf der Stimme neben einer leicht psychedelischer E-Gitarre.

Beide Versionen sind gelungen, die neue klingt allerdings konservativer und hätte wahrscheinlich bei der Grunge- wie Indie-Jugend der Neunziger weit weniger Impact gehabt. Ebenso ist „Like A Soldier“ auf beiden Alben vertreten –  auf „Songwriter“ im Cash-typischen, treibenden Tennessee-Three-Sound, auf „American Recordings“ eben nur mit der Klampfe.

„Songwriter“ ist klassischer Johnny Cash. Das ist doch eine feine Sache.

Der Blick zurück gehört zum Country, und dessen King war/ist nun mal Johnny Cash. Wer bei der zur Slidegitarre erzählten Liebeserklärung „I Love You Tonite“ nicht mit Tränen der Rührung ringt, der hat eben keinen Vertrag mit Country. Selber Schuld. „Songwriter“ ist ein Geschenk an die Fans und voller bittersüßer Momente. Die solitäre Klasse der „American Recordings“ bleibt davon selbstverständlich unberührt. Haben muss man als Cash-Enthusiast beide.

„Songwriter“ von Johnny Cash erschient am 28.06.2024 bei Universal Music. (Beitragsbild: Pressefoto)

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