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22. Juli 2024Aus Sturgill Simpson wird Johnny Blue Skies – doch an der Qualität seiner Americana-Musik ändert sich nichts. Im Gegenteil: „Passage Du Desir“ ist wohl sein bisher bestes Album.
von Werner Herpell
Er hätte es sich leichter machen können nach dem Country-Grammy für „A Sailor’s Guide To Earth“ (2016) – und nur unter seinem gut eingeführten Namen weiterhin erfolgreiche Alben für Stetson-Träger auf den Markt werfen müssen. Doch Stillstand ist Sturgill Simpsons Sache nicht. So schreibt das weitgehend unfehlbare Online-Musikmagazin „Allmusic“, der 46-jährige Singer-Songwriter aus dem erzkonservativen US-Bundesstaat Kentucky sei „das Gesicht des Outlaw Country im 21. Jahrhundert, ein selbsternannter Außenseiter, der sich weder an die Regeln des modernen noch des klassischen Country hielt“.
Rückkehr unter Pseudonym
Ein zeitgemäßer Johnny Cash, Kris Kristofferson oder
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Waylon Jennings also, der stilistisch äußerst beweglich ist – sechs Grammy-Nominierungen in den vier Genres Country, Rock, Bluegrass und Americana sprechen eine deutliche Sprache. Jetzt kehrt Simpson mit einem Album unter Pseudonym zurück, das in den USA seit der vorgezogenen digitalen Veröffentlichung Mitte Juli bereits als Meisterwerk gefeiert wird (die kundige Kultur-Website „Paste“ zum Beispiel vergab mit 97 von 100 Punkten praktisch die Höchstwertung).
Nachdem er angekündigt hatte, nur fünf Studioalben unter eigenem Namen zu veröffentlichen, schlägt der Musiker und Schauspieler (unter anderem in Martin Scorseses jüngstem Meisterwerk „Killers Of The Flower Moon“) als Johnny Blue Skies mit den acht Folkrock- und Country-Soul-Tracks von „Passage Du Desir“ ein neues Kapitel auf. Die Platte wurde von Simpson selbst und David Ferguson produziert und im Clement House Recording Studio in Nashville/Tennessee sowie in den Londoner Abbey Road Studios aufgenommen.
Country trifft auf Southern-Soul
Nun sind für viele Europäer klassische US-Country-Sounds wie in den JBS-Tracks „Swamp Of Sadness“ oder „Who I Am“ nicht so leicht zu goutieren wie für Nordamerikaner. Aber die pure Schönheit dieser Musik wirkt dann doch recht unmittelbar auf Herz und Hirn. Erst recht, wenn Johnny Blue Skies in „If The Sun Never Rises Again“ den Southern-Soul-Mann in sich entdeckt, um direkt bei Dan Penn oder Ray Charles anzuknüpfen. „Scooter Blues“ ist ein toller Swamp-Rock-Track in der Tradition von Tony Joe White oder J.J. Cale, und dass Simpson zu Tränen rührende Balladen schreiben kann, beweist er mit „Jupiter’s Faerie (Mourning Dawn)“.
Mit „Mint Tea“ und „One For The Road“ hat sich Johnny Blue Skies zwei ganz starke Songs fürs Ende dieser hochintensiven, melodiesatten Platte aufgehoben: der erstgenannte ein mit wunderbar warmen Steel-Guitar-Klängen veredeltes Countryrock-Juwel; der Closer ein fast neunminütiges Aushängeschild des Cosmic Country, inklusive epischer Gitarrensoli, vergleichbar mit den Abschiedsalben des an Alzheimer erkrankten Glen Campbell vor dessen Tod 2017. Ein Gänsehaut-Moment – grandios!
Grammys für Johnny Blue Skies?
„Passage Du Desir“ folgt auf die Neuauflage von Simpsons einflussreichen „Metamodern Sounds In Country Music“, die kürzlich zum zehnten Jahrestag erschienen war. Das im Mai 2014 erstmals veröffentlichte Album markierte für ihn den Durchbruch mit Songs zwischen Country-Tradition und Outlaw-Aufmüpfigkeit. „‚Metamodern…‘ ist ein Album, das zeigt, wie die beste Musik entstehen kann, wenn man die Vergangenheit respektiert, aber keine Angst vor der Zukunft hat“, schrieb dazu der „Rolling Stone“. Als Johnny Blue Skies geht der US-Star diesen Weg nun behutsam, aber bestimmt weiter. Die nächsten Grammys warten schon.
Das Album „Passage Du Desir“ von Johnny Blue Skies erscheint am 26.07.2024 auf CD und Vinyl (digitaler VÖ-Termin: 12.07.2024) bei High Top Mountain Records/Thirty Tigers/Membran. (Beitragsbild von Semi Song)





