John von Düffel: Die Wütenden und die Schuldigen

John von Düffel: Die Wütenden und die Schuldigen

Ein clever konstruierter neuer Roman mit Witz und charmanten Figurenzeichnungen von John von Düffel

Nachdem bereits Juli Zeh mit „Über Menschen“ einen seit Wochen in der Spiegel-Bestsellerliste befindlichen, und von Sounds & Books rezensierten Corona-Roman veröffentlicht hat, zieht nun ihr Kollege John von Düffel, dessen Roman „Klassenbuch“ wir an dieser Stelle vorgestellt haben, nach. „Die Wütenden und die Schuldigen“ spielt während des ersten Lockdowns 2020 und folgt dem im letzten Jahr erschienenen und von Sounds & Books ebenfalls besprochenen „Der brennende See“.

Maria und der Rabbi

John von Düffel Die Wütenden und die Schuldigen Buchcover DuMont Verlag

Schon bald nach Ausbruch der Pandemie muss die Anästhesistin Maria als Vorsichtsmaßnahme in häusliche Quarantäne und lernt nicht ganz Corona-Vorschriftskonform den über ihr wohnenden Rabbi des israelischen Botschafters kennen. Ihr kunststudierender Sohn wird von seiner Lebensgefährtin rausgeschmissen und sucht eine Bleibe, ihre Tochter Selma befindet sich in Begleitung von Marias bester Freundin und Palliativmedizinerin Kathi auf dem Weg zum krebskranken und wohl nur noch wenige Wochen zu lebenden Opa Richard in die Uckermark und ihr Ex-Mann Holger ist nach Suizidversuch in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Während die kaffeesüchtige Maria die Quarantäne-Zeit mit tiefschürfenden, intimen und die Danziger und jüdische Vergangenheit ihrer Familie betreffenden Gesprächen mit dem Rabbi verbringt, quartiert sich Jakob, den Maria nur als leidlich selbständig einstuft, in ihrer Wohnung ein, seine Ex vermissend und irgendwie verliebt in seine unkonventionelle Kunstprofessorin.

Eine Familie hält Distanz

In der Uckermark indes muss sich Selma der männlichen Dorfjugend erwehren und hilft Kathi mit der Betreuung ihres Großvaters, der dort zeitlebens als protestantischer Pfarrer wirkte, aber den Glauben an Gott nach dem Tod seiner Frau bei der Geburt Holgers, den er nie zu lieben gelernt hat und mit dem er sich vor seinem Tod versöhnen möchte, verlor. Selma sieht es als ihre Pflicht, ihre auseinanderfallende Familie, in der Distanz auch ohne ein Virus seit jeher kultiviert wurde,  zusammenhalten zu müssen, häufig eine zu große Bürde für das jüngste Familienmitglied.

John von Düffel in alter Form

Der Tod klopft in John von Düffels neuem Roman also nicht durch Corona an die Tür, es sind altbekannte Krankheiten wie der Krebs, oder die depressive Psyche, mit denen die Protagonisten konfrontiert werden. Die Medizinerin Kathi Kuhn spricht einmal Selma gegenüber die Erkenntnis aus, „dass es am Ende zwei Arten von Sterbenden gibt, die Wütenden und die Schuldigen“. Um Wut und Schuld, die generationenunabhängig in allen Figuren dieses Romans zu finden sind, kreist John von Düffel in seinem neuen, cleveren, mit manch drastischen Stellen versehenen Werk. Nach dem eher mediokren Vorgänger „Der brennende See“ läuft der 1966 geborene Schriftsteller in diesem amüsant-anregenden Familien- und Entwicklungsroman mit (teils makabren) Witz und charmanten Figurenzeichnungen wieder zu alter literarischer Form auf.

John von Düffel: „Die Wütenden und die Schuldigen“, DuMont, Hardcover, 320 Seiten, 978-3-8321-8163-5, 22 Euro. (Beitragsbild: Buchvover)

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