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13. Dezember 2025
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13. Dezember 2025Nur ein Jahr nach „Der letzte Sessellift“ legt John Irving mit „Königin Esther“ nach und bleibt im Mittelmaß stecken
von Gérard Otremba
Man erinnert sich nur zu gerne an die John-Irving-Klassiker wie „Laßt die Bären los!“, „Garp und wie er die Welt sah“, „Hotel New Hampshire“, „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ sowie „Owen Meany“. Auch die nachfolgenden Romane konnte ich goutieren, bis letztes Jahr das opulente „Der letzte Sessellift“ mit seiner kaum aushaltbaren Genderthematik mir den letzten Nerv raubte. Nach (immerhin) 483 unlustigen Seiten brach ich erstmals und sehr gefrustet einen John-Irving-Roman ab. Der Vorteil von „Königin Esther“: Irving begnügt sich mit 550 Seiten. Dass aber nur ein Jahr nach dem „Sessellift“ schon ein weiterer Roman des amerikanischen Schriftstellers erscheint, könnte einen stutzig werden lassen, braucht der mittlerweile 83-Jährige normalerweise ein paar Jahre länger zwischen den Veröffentlichungen seiner Werke.
Die bekannten John-Irving-Themen
„Königin Esther“ kann man also getrost als einen Schnellschuss betrachten, der bis auf Bären sämtliche bekannte Irving-Themen abhandelt – eine Art „Best Of“, aber eine, die nur teilweise funktioniert. Die titelgebende Figur Esther wächst im Waisenhaus von Dr. Larch in St. Clouds aus (bekannt aus „Gottes Werk und Teufels Beitrag“), nachdem ihr Vater die Schifffahrt nach Amerika nicht überlebte und ihre Mutter von Antisemiten totgeschlagen worden ist. Esther kennt nur ein Lebensziel: „Sie wollte sie beste Jüdin werden, die sie sein konnte.“
Mit vierzehn Jahren kommt die wesentlich älter aussehende und klüger wirkende Esther zu den in Pennacook lebenden Thomas und Constance Winslow, um sich um deren vierte Tochter Honor zu kümmern. Die beiden verbindet in der Folge eine so enge Beziehung, dass sich Esther für die asexuelle Honor schwängern lässt und 1941 den Sohn James, genannt „Jimmy“, zur Welt bringt. Fortan agiert Esther nur noch im Hintergrund dieses Romans, wahrscheinlich, so die Mutmaßungen, als Agentin des Mossad und/oder Nazijägerin .
Alter Wein in halbneuen Schläuchen
Bühne frei für Jimmy Winslow, an dessen Person sich John Irving an der eigenen Vita abarbeitet: Die Liebe zur Literatur von Charles Dickens, längerer Aufenthalt in Wien, die Schriftstellerkarriere. Selbstredend baut Irving wieder genug skurrile Figuren in seinen Plot ein, aber man wird häufig den Eindruck nicht los, er serviere alten Wein in nur halbneuen Schläuchen. Okay, amüsanter und kurzweiliger als „Der letzte Sessellift“, doch für Irving-Verhältnisse allenfalls Mittelmaß. Teilweise driftet er humoristisch auf Pennäler-Niveau ab und einige Charaktere, ganz besonders die übergriffige Honor, sind eher nervig als lustig. Was man ihm allerdings definitiv zu Gute halten muss: Den Antisemitismus als zentrales Thema in Zeiten des Rechtsrucks zu behandeln ist wichtig und nötig. Vielleicht wichtiger, als einen sehr guten Roman zu schreiben.
Der in Kanada wohnende Irving weigert sich aufgrund der Trump-Regierung übrigens, sein neues Buch auf Lesereise in den USA vorzustellen. Auf der Suche nach seiner leiblichen Mutter nimmt James Winslow zu Beginn der 80er-Jahre eine Einladung der Jerusalemer Buchmesse an, eine Begegnung mit Esther ist vorprogrammiert und führt den Roman zu einem runden Ende. Durch den vor zwei Jahren einmal mehr neu entfachten Israel-Palästina-Konflikt erfährt „Königin Esther“ am Schluss einen aktuellen Bezug. Immerhin: Ein versöhnliches Finale.
John Irving: „Königin Esther“, Diogenes, übersetzt von Peter Torberg und Eva Regul, Hardcover, 560 Seiten, 978-3-257-07367-6, 32 Euro. (Beitragsbild-Credit: B. Cannarsa opale photo laif)





