John Grant: The Art Of The Lie

John Grant Credit Hördur Sveinsson

Die Kunst der Lüge – wer denkt da nicht an Trump. An ihm und anderen Traumata arbeitet sich John Grant auf seinem neuen Album ab. Die musikalische Umsetzung macht aber etwas ratlos.

von Werner Herpell

Persönliches und Politisches – bei John Grant geht das Hand in Hand. Denn natürlich ist seine fortwährende Beschäftigung mit der eigenen Homosexualität in einem erzkonservativen Umfeld immer auch grundsätzliche Kritik an den politischen Verhältnissen seines Geburtslandes USA, an Trump-treuen evangelikalen Christen und Schwulenhass. Der Titel des neuen Albums „The Art Of The Lie“ lässt sofort an einen Bucherfolg des Ober-Lügners Donald Trump („The Art Of The Deal“) denken. Und Songs wie „Father“, „Mother And Son“ oder „Daddy“ zeugen von traumatischen Erlebnissen und der Auseinandersetzung, die Grant (mittlerweile 55) immer noch mit seiner intoleranten, vermutlich Trump wählenden Familie führt.

Furiose Texte, Electro-Funk und Balladen

John Grant The Art Of The Lie Cover

Der Hintergrund

___STEADY_PAYWALL___

der sechsten Grant-Soloplatte seit dem formidablen Folkrock/Barockpop-Werk „Queen Of Denmark“ (2010) ist also ein persönlich-politischer – plakativer als je zuvor (kein Wunder eigentlich in einem Jahr, das den orangenen Psychopathen mit freimütig geäußerten Diktator-Ambitionen wieder ins Weiße Haus bringen könnte). So weit, so gut – „The Art Of The Lie“ ist ein inhaltlich engagiertes, textlich teilweise furioses Album. Das Problem beginnt, zumindest für diesen Schreiber, mit der musikalischen Umsetzung, der Produktion, den Arrangements. Und (ausgerechnet bei diesem fantastischen Sänger) mit den Vocals.

Denn angefangen beim Electro-Funk-Opener „All That School For Nothing“, über den an David Bowie erinnernden Midtempo-Track „Marbles“ und fragile Balladen wie „Father“ bis zum elegischen Closer „Zeitgeist“: Fast nie erlebt man diese wunderbare Bariton-Stimme so, wie sie eigentlich klingen könnte, stets wird sie gefiltert, gepitcht, verfremdet durch Vocoder, Autotune und andere Effekte. Damit setzt sich bei John Grant ein Trend zur technoiden Künstlichkeit fort, der schon auf früheren Alben wie „Love Is Magic“ (2018) und dem ebenfalls autobiografisch geprägten „Boy From Michigan“ (2021) zu hören war. Als ob der frühere Frontmann der zu Unrecht erfolglosen Americana-Band The Czars seinen originalen Gesang verstecken wollte. Was sehr schade wäre… Eine melodieselige Traumkombination wie mit der Dreampop-Folk-Truppe Midlake beim Solo-Debüt vor 14 Jahren – ja, das wäre doch mal wieder was.

John Grant mit tollen Songs – aber…

Natürlich gibt es auch auf dieser zwischen Dancefloor-Drive und cineastischer Melancholie pendelnden Platte großartige Songs – das von der schottischen Sängerin Rachel Sermanni veredelte Drama „Mother And Son“ etwa, das quirlige Synth-Groove-Stück „It’s A Bitch“ oder der gruselige Siebenminüter „The Child Catcher“ (mit epischem Prince-Gitarrensolo von Dave Okumu). Man könnte auch resümieren, dass John Grant mit „The Art Of The Lie“ sein Schaffen der vergangenen eineinhalb Dekaden bündig zusammenfasst. Dennoch bleibt ein Beigeschmack, dass dieser seit langem im toleranten Island lebende Musiker hier nicht ganz sein enormes Potenzial abruft.

Grant hat für sein sechstes Studiowerk Songs von Talk Talk, Kate Bush, Jane Siberry, The Cocteau Twins, Dead Can Dance und Devo als Bezugspunkte genannt. „There’s a lot of amazing humour in their music but they were also serious as a heart attack“, sagt der Amerikaner. Humor und Ernsthaftigkeit – wer diesen in diversen Sprachen (auch Deutsch) sattelfesten, ungemein sympathischen Künstler mal im Interview erlebt hat, weiß Bescheid. Das neue Album lässt einen freilich etwas ratlos zurück. Die Live-Auftritte im November (06.11.2024 Köln, Kulturkirche; 07.11.2024 Berlin, Columbia Theater, 15./16.11.2024 Weissenhäuser Strand, Rolling Stone Beach Festival) sollte man sich trotzdem nicht entgehen lassen.

Das Album „The Art Of The Lie“ von John Grant erscheint am 14.06.2024 bei Bella Union. (Beitragsbild von Hördur Sveinsson)

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Kommentar schreiben