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10. Juni 2026In seinem neuen Roman „Sunset Flip“ erzählt Joey Goebel temporeich, gewitzt und berührend die Story eines Mannes zwischen Ruhm, Show und Wahnsinn
von Gérard Otremba
Augustine „Auggie“ Schnuck verfolgt den American Dream. Der introvertierte, grüblerische Außenseiter will raus aus seinen ärmlichen Verhältnissen einer Kleinstadt in Iowa. Die Schauspielerei in Hollywood soll es sein. Trotz eines gewissen Talents bleiben die Türen beim Film für ihn verschlossen. Mit seiner großen Liebe Nadine an der Seite nimmt er den Umweg als Wrestler und steigt in dieser Entertainment-Branche zum Champion auf. Joey Goebel wirft die Leser mitten ins Geschehen und fächert das Leben seines Protagonisten mit zeitlichen Vor- und Rückblicken auf.
Joey Goebel hält die Spannung hoch
Beginnend am 04.07.1989 und mit zunächst kleinen Zeitsprüngen in den 80er- und frühen 90er-Jahren, schildert Joey Goebel die Kindheit und Jugend seiner Hauptfigur erst im vorletzten Kapitel und endet anschließend im Jahr 2024. Er erzählt temporeich, gewitzt und berührend die Story eines Mannes zwischen Ruhm, Show und Wahnsinn. Eine Story, die es in sich hat – und auch wenn man bis dato so gar keinen Zugang zum Wrestling gefunden hat, Joey Goebel schafft es, die Spannung hochzuhalten und einem das Sujet in Romanform näher zu bringen. Ganz nah bringt uns der 1980 in Kentucky geborene Schriftsteller seinen Protagonisten Auggie und Nadine.
Die ein Leben mit Höhen und Tiefen durchlaufen, immer mit dem Ziel, den zukünftigen eigenen Kindern einen besseren Start auf Erden zu ermöglichen. Auggie Schnuck fühlt sich im Ring sehr wohl, allerdings nerven ihn das ständige Unterwegssein und das ganze Drumherum der Auftritte. Im Ring, wenn er sich mit der hochgestelzten Sprache seiner Figur „Lord Augustine“ Feinde im Publikum macht, schlüpft er in eine schauspielerische Rolle – und die Schauspielerei soll es ja schließlich sein.
Ein veritabler Pageturner
Seine Rolle ändert sich im Verlauf seiner Wrestling-Karriere, aus „Lord Augustine“ wird „The Aug“, natürlich alles nur Show, hinter den Kulissen von Impressario Stan MacGowan inszeniert, den das Publikum nur als Kommentator am Ring kennt. Mit Joey Goebel in die Wrestling-Welt abzutauchen hat schon fast etwas Surreales, so weit weg von dem eigenen Leben. Und doch finden sich die Leser mitten im Leben wieder. Mitten im Leben von Auggie Schnuck, seiner Frau Nadine, seiner Familie sowie den Wrestling-Kollegen. Und dieses Leben wiederum vermittelt Goebel so real, dass es einen mitten ins Herz trifft.
Die Leidenschaft, mit der Auggie Schnuck sein Ziel verfolgt, fängt Joey Goebel perfekt ein, so dass sich „Sunset Flip“ als ein veritabler Pageturner entpuppt („Er wusste, wer er sein wollte. Jemand, der Geld hatte. Jemand, auf den niemand herabsah. Der nicht aus einer Kleinstadt in Iowa kam. Er wollte selbstbewusst sein. Extrovertiert. Respektiert. Er wollte das sein, was die Gesellschaft als einen erfolgreichen Mann betrachtete, ein echter Gewinner. Angesehen.“).
Darüber hinaus spart er auch nicht mit einer gewissen Verballhornung des American Way of Life, wenn er Auggie in seiner Rolle als Lord Augustine im Ring über die „stumpfsinnigen Sitten“ und Essmanieren der Amerikaner herzieht. Dieser Roman genießt den Status einer literarischen Verführung zwischen dem amerikanischen Traum und dem amerikanischen Alptraum.
Joey Goebel: „Sunset Flip“, Diogenes, übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner, Hardcover, 384, 978-3-257-07374-4, 26 Euro. (Beitragsbild von Nate Fish)





