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10. September 2025Wenn einer als Hochzeitssänger auftritt, hat er was zu erzählen. Der Schwede Jens Lekman tut dies nun in 17 Songs eines sensationellen neuen Albums nach langer Pause.
von Werner Herpell
Es war zuletzt sehr ruhig geworden um den Schweden Jens Lekman, der zwischen 2007 und 2017 mit „Night Falls Over Kortedala“, „I Know What Love Isn’t“ und „Life Will See You Now“ drei der besten Sophisticated-Pop-Platten dieser Jahre herausgebracht hatte. 2020 gab es von ihm eine Art Duo-Album namens „Correspondence“ mit der befreundeten Musikerin Annika Norlin, basierend auf Songs, die sich die beiden zugeschickt hatten. Ansonsten schien da ein großes Pop-Talent auf der Strecke geblieben zu sein. Zum Glück kam es anders – und hier ist die Geschichte zu einer sensationellen neuen Lekman-Platte.
„Ich könnte bei deiner Hochzeit singen“
Sie beginnt eigentlich mit einem Titel aus seinem ersten Album „When I Said I Wanted To Be Your Dog” von 2004. „If You Ever Need A Stranger (To Sing At Your Wedding)” hieß das Stück – und machte den Zuhörern ein Angebot: Da Lekman „jedes dumme Liebeslied kennt, das jemals dein Herz berührt hat“, würde er auch auf deiner Hochzeit auftreten. Warum? Weil er „einfach so begeistert ist, echte Liebe mitzuerleben“. Lekman sagt dazu heute: „Es war eigentlich als kleiner Scherz gedacht, aber die Leute nahmen es sehr ernst und baten mich, tatsächlich auf ihren Hochzeiten zu spielen. Was ich gerne tat – es war mir eine Ehre. In den 2010er Jahren, als es durch das Streaming schwieriger wurde, von der Musik zu leben, wurden die Hochzeitsauftritte zu einer Möglichkeit, finanziell über die Runden zu kommen, und gaben der Musik selbst eine neue Bedeutung.“
Uff! Was als hübsche Idee und sympathische Gefälligkeit eines beliebten Musikers begann, entwickelte sich also zur künstlerischen Überlebensstrategie. Aber immerhin eine Strategie mit Ertrag – in Form von nun gleich 17 Liedern unter dem Albumtitel „Songs For Other People’s Weddings“.
„Companion book“ von David Levithan
Der renommierte US-Schriftsteller David Levithan hat sogar ein „companion book“ dazu herausgebracht (und macht das Happy-End damit natürlich perfekt). Er schreibt sehr warmherzig über die Platte seines inzwischen 44-jährigen schwedischen Freundes: „Als Hochzeitssänger hat Jens einen besonderen Blickwinkel, aus dem er die Rolle von Liebesliedern in unserem Leben betrachten kann. Die Gefühle des Songwriters (Ekstase, Qual oder alles dazwischen) fließen in das Lied ein, und dann fügt der Interpret seine eigenen Gefühle hinzu, die sich beim Zuhören im Hörer verstärken. Lieder helfen uns, unsere Emotionen als größer als uns selbst zu erleben. Bei einer Hochzeit nutzt das frisch vermählte Paar Musik, um seine Romanze zu universalisieren, damit sie mit allen anderen im Raum geteilt werden kann.“
Levithan hat in der 20-jährigen Freundschaft erlebt, dass Lekmans Hochzeitsauftritte den Sänger und Songwriter „sowohl in die Nähe seines Zuhauses als auch um die ganze Welt“ führten. „Er hat freudige Momente, große Aufregung, ausgelassene Tanzflächen-Eskapaden und mehr als nur ein paar Pannen miterlebt. Manchmal trat er bei Hochzeiten auf, wenn sein eigenes Herz voller Freude war … und manchmal beobachtete er das Glück des Paares aus einer gewissen Distanz, denn Liebeslieder können auch diesen Effekt haben, dass man sich ausgeschlossen fühlt, wenn man jemanden vermisst oder schmerzlich einsam ist.“
Eine nicht ganz fiktive Geschichte
Die Kooperation Lekman/Levithan verlief nach einem sehr harmonischen Plan: „Die Hälfte der Kapitel des Buches würde so geschrieben werden, dass ich zuerst die Geschichte der Hochzeit erzähle und Jens dann den Song des Paares liefern muss. Die andere Hälfte würde damit beginnen, dass Jens mir einen Song gibt und ich mir dann die Geschichte ausdenken muss, die zu diesem Song geführt hat. So entstand unser Roman mit Songs.“ Eben „Songs For Other People’s Weddings“ – die nicht so ganz fiktive Geschichte eines Hochzeitssängers.
Und wie prächtig ist dieses ungewöhnliche Album geworden – gewiss eines der berührendsten, euphorisierendsten Singer-Songwriter-Werke des Jahres, das mit all seiner überbordenden, stilvollen Üppigkeit natürlich an Prefab Sprout, auch an Pulp, vor allem aber an das meisterliche „Avatars Of Love“ (2022) des Norwegers Sondre Lerche erinnert.
Opulentes Song-Hochzeitsmahl von Jens Lekman
Die 17 Lieder oszillieren zwischen reduziert-akustisch („GOT-JFK“) und ausufernd-opulent („Wedding In Brooklyn“), beziehen Bläser, Streicher und Chöre ein, streifen Piano-Pop, Soft-Rock, Blue-Eyed-Soul, Latin, Easy-Listening und Lounge-Music, Balladen-Folk und sogar House. Lekman singt mit seiner weichen, lieblichen Stimme so gut und ergreifend wie noch nie – oft begleitet von der grandiosen Matilda Sargren, deren soulige Stimme er entdeckte, als er mit einem Jugendorchester aus der Nachbarschaft spielte, in der er bei Göteborg aufgewachsen ist.
„Obwohl es in dieser Geschichte vor allem um eine Beziehung geht und darum, wie sie sich in den Beziehungen und Hochzeiten anderer widerspiegelt, ist es meiner Meinung nach vor allem eine Liebesgeschichte über Musik und ihren Wert in einer Zeit, in der sie von Technologieunternehmen entwertet und zu einem Produkt gemacht wurde“, sagt Jens Lekman über seinen unerwarteten Geniestreich. „Ihre Fähigkeit, zu beruhigen und zu verbinden, und ihre Rolle in den Übergangsphasen unseres Lebens, wie zum Beispiel Hochzeiten. Es ist ein Liebeslied an Liebeslieder.“
Jahresbestenlisten-Alarm! Welcome back, Jens!
Das Album „Songs For Other People’s Weddings“ von Jens Lekman erscheint am 12.09.2025 bei Secretly Canadian. Das Buch „Songs For Other People’s Weddings: A Novel“ von David Levithan wurde am 05.08.2025 bei Abrams Press auf Englisch veröffentlicht. (Beitragsbild von Ellika Henrikson)





