Jenny Erpenbeck: Kairos – Roman

Jenny Erpenbeck: Kairos – Roman

“Kairos”, der neue Roman von Jenny Erpenbeck, ist als Teil einer gesamtdeutschen Kultur zu verstehen und zu würdigen

Die Geschichte beginnt im Sommer des Jahres 1986 in Ost-Berlin. Aus einer zufälligen Begegnung entwickelt sich eine intensive Liebesbeziehung: Katharina ist 19 und macht gerade eine Lehre als Facharbeiterin für Satztechnik beim Staatsverlag, Hans ist Mitte 50, verheiratet und ein anerkannter Schriftsteller und Radiojournalist; als solcher gehört er der Kultur- und Geisteselite der DDR an. Die ist auch Katharina nicht fremd, denn auch ihre Mutter und ihr Vater, der Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Professor an der Universität Leipzig ist, gehören dem Intellektuellenmilieu an. Dass diese Welt so klein ist, scheint für Hans, den versierten Fremdgänger, umso mehr ein Grund, diese ungleiche Liebe geheim zu halten.

Kultur und Leben in der DDR

Jenny Erpenbeck Kairos Cover Penguin Verlag

Katharina, die Nachgeborene, erlebt die späte DDR, setzt den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen keinen Widerstand entgegen, sondern hält das Leben, das sie lebt, für selbstverständlich. Ein Leben jenseits der Grenze will sie sich nicht einmal vorstellen, denn das würde sie ein für alle Male trennen von allem, was sie kennt. Sie hat Pläne, will Bühnenbild studieren und macht sich auf ihren Weg, im Gepäck ihre vielseitige Bildung, ein über Literatur, Musik und Kunst der frühen DDR vermitteltes politisches und historisches Bewusstsein – und die tiefgreifende Überzeugung, dass „der Tod nicht das Ende, sondern der Anfang von allem ist. Sie weiß, nur eine sehr dünne Schicht von Erde ist hierzulande über die Knochen, über die Asche der Verbrannten hingestreut, andere Schritte als über Schädel, Augen, Münder, Gebein kann ein Deutscher nie wieder gehen, jedes Vorwärts reicht in diese Tiefe, an der muss jeder Weg sich messen, ob einer das will oder nicht.“

Damit weiß die junge Katharina etwas, das heute durchaus nicht mehr selbstverständlich ist: Dass es die politische Geschichte ist, die das Schicksal der Menschen – nicht zuletzt ihrer eigenen Familie – bestimmt, und die zu kennen eine unabdingbare Voraussetzung für jedes Verständnis seiner selbst und der eigenen Zeit ist.

Jenny Erpenbeck blickt auf die Nachwendezeit

Und da ist noch ein Wissen tief in ihr verwurzelt, nämlich, dass der Kapitalismus Bedürfnisse weckt, die am Ende nur eine innere Leere des Konsumenten kaschieren sollen. Als die DDR schließlich abgewickelt, vom Westen als Markt erschlossen wird, und es auch im Osten alles zu kaufen gibt, verbreitet sich unter den jungen Leuten der Hang zum Diebstahl. Doch Katharina spürt, wie kurz die Freude über den Besitz dieses oder jenes Dinges währt, „immer schneller muss das kurzfristige Vergnügen aufgefrischt werden durch einen neuen Raubzug, denn jeder gelungene Diebstahl trägt die Enttäuschung darüber in sich, dass jetzt alles so durch und durch und vollkommen und ganz und gar und bis in die tiefste Tiefe egal ist.“

Was die beiden verbindet

Vielleicht ist es das, was Katharina an Hans so anziehend findet: Wie sie für ihn Jugend und Hoffnung verkörpert, so verkörpert er für sie die Vergangenheit. Wie er sich noch einmal in ihr als der reinen Möglichkeit spiegeln will, so sie sich in ihm als in dem, was ihr mangelt: Erfahrung und gelebte Geschichte. Denn Hans ist als junger Mann vom Westen in den Osten übergesiedelt (was ihm sein Vater nie verziehen hat) und hat voller Ideale den noch jungen Staat mit aufgebaut. Nun befindet er sich im Zwiespalt zwischen der Kritik an überkommenen Verhältnissen und der tiefen Überzeugung, dass der Sozialismus die einzig humane Gesellschaftsform ist. Lebensbilanz und politische Bilanz verschmelzen miteinander; Gefühle von Angst und Leere breiten sich in ihm aus.

Jenny Erpenbeck und die wechselseitige Abhängigkeit

Aus der Liebe entwickelt sich bald ein Verhältnis wechselseitiger Abhängigkeit; Hans sieht sich Katharina ausgeliefert und fürchtet den Moment, in dem sie ihn (für einen Jüngeren) verlassen wird – und beschwört ihn damit herauf. Er beginnt, sie zu manipulieren, sie psychisch unter Druck zu setzen. Er nötigt sie, alle ihre Gedanken ihm preiszugeben und züchtigt sie schließlich auch körperlich. Katharina erträgt das alles und hält an ihm fest, und doch bleibt ihr Leiden in weiten Teilen ihr und auch dem Leser verborgen.

Je grausamer Hans sich zeigt, desto deutlicher wird seine innere Leere, die Katharina lange Zeit füllen zu können glaubt; sie glaubt, ihm – durch ein gemeinsames Kind – eine Zukunft geben zu können. Doch immer deutlicher erweist sich, dass jener ‚glückliche Augenblick‘, jener kairos, nichts weiter als eine Konstruktion ist; an ihn muss immer wieder aufs Neue rituell erinnert werden, die Genese der eigenen Liebesgeschichte muss immer wieder neu szenisch aufgeführt werden.

Was wird man sagen über unsere Tage?

Was diesen Roman von Jenny Erpenbeck so lesenswert, so überaus dringlich macht, ist nicht zuletzt der die Perspektive des Westens, die Perspektive des ‚historischen Siegers‘ korrigierende Blick auf das Ende der DDR. Dieser Blick ist der eines allwissenden Erzählers, der bisweilen mit der Perspektive der beiden Protagonisten, enger jedoch mit derjenigen Katharinas, verschmilzt. Sachlich und dennoch auf eine Weise, die nahegeht, wird der Prozess der Abwicklung staatlicher Einrichtungen geschildert, der Existenzen zerstört. So erfahren Hans und seine Frau Ingrid – zwei Schicksale unter zahllosen –, wie sich die scheinbar festgefügten Lebensverhältnisse in kurzer Zeit ins Prekäre verwandeln: Er wird mit knapp 60 Jahren arbeitslos, auch ihr droht der Verlust ihrer Anstellung als Mitarbeiterin der Akademie der Wissenschaften, und die Miete wird schlagartig um ein Vielfaches erhöht.

„Fast auf den Tag genau zwei Jahre ist es jetzt her, dass das Rundfunk-Sinfonieorchester in ebendiesem Saal zum letzten Mal eine Gesprächsrunde live begleitet hat. ‚Was wird man sagen über unsere Tage?‘ war das Thema damals, kurz nach dem Mauerfall, gewesen. Sein Schriftstellerkollege Hermlin hatte auf dem Podium gesessen, das Orchester hatte Musik von Krenek und Eisler gespielt. Zwei Jahre sind seither vergangen, die Lizenz für den Blick zurück hat inzwischen den Besitzer gewechselt. Aber auf lange Sicht bleibt die Frage dennoch bestehen.“

Jenny Erpenbeck und die Legitimation des Westens

Jenny Erpenbeck beantwortet diese Frage nicht, dennoch ist sie in allen ihren Facetten stets gegenwärtig und sie rührt an die Frage der Legitimation des Westens (der Bundesrepublik insbesondere), politisch und moralisch über einen Staat zu urteilen, der nicht mehr existiert. Der Epilog schildert Katharinas Besuch im Berliner Stasi-Unterlagen-Archiv einige Jahre nach Hans‘ Tod. Denn Hans war eine Zeitlang als IM Galilei tätig, bis die Zweifel offenbar überwogen, er es aufgab und schließlich selbst zum Operativen Vorgang, also seinerseits überwacht wurde:

„In aller Stille werden hier allen möglichen Bürgern eines Landes, das nicht mehr existiert, die Schädeldecken geöffnet und man darf hineinsehen.

Auch einem, der sich Galilei genannt hat.

Zu besichtigen ist die Hoffnung, dass es wenigstens unter vier Augen noch eine gemeinsame Sache gäbe. Dass es überhaupt noch etwas gäbe, das den Verrat an allem anderen lohnt.“ Doch: „warum werden nur die Seelen der Osthälfte Deutschlands bis in ihre verborgenen Tiefen offengelegt? Warum wurde es nach der Nazizeit in ganz Deutschland nicht genauso gemacht?“

Eine unauflösbare Partie

Wie in einer großen Vision, einem Zustand zwischen Traum und Wachsein, nimmt Katharina Abschied von dem, was nun der Vergangenheit angehört. Und Hans wird immer mehr ein Teil dieser Vergangenheit. Doch zu sagen, dass die Liebe zu Ende geht, verloren geht: das wäre zu einfach. So komplex die beiden Hauptfiguren ausgearbeitet sind, so tiefgründig und im Grunde unauflösbar ist ihre Beziehung zueinander. Wie das Hohelied der erschöpften Liebe klingen Katharinas Gedanken über Hans am Ende des Romans:

„Deine Augenbrauen sind wie zwei Eiszapfen,

dein Mund ist wie ein Felsspalt,

dein Sprechen ist wie das Rascheln eines Blattes, das im Herbst

vom Baum fällt […]“

Das Erkennen spielt in diesem Roman eine große Rolle: Was Katharina und Hans miteinander verbindet, ist der Wunsch, sich im Anderen zu erkennen und vom Anderen erkannt zu werden. Diese Erkenntnis ist an spezifische zeithistorische Zusammenhänge gebunden, Empfindungen und Handeln der Figuren werden nur aus ihren jeweiligen Biografien heraus verstehbar. Was Katharina angeht, so zeigen sich erkennbare Parallelen zum Leben der Autorin: Im selben Jahr geboren, ebenfalls in einer in der DDR angesehenen Intellektuellenfamilie aufgewachsen, auch einige berufliche Stationen haben Figur und Autorin gemeinsam. Insofern ist „Kairos“ ein Roman, der in vielerlei Hinsicht an Literatur und Musik, auch an Positionen bildender Kunst, erinnert und anknüpft, die mit der (frühen) DDR verbunden sind und die als Teil einer gesamtdeutschen Kultur zu verstehen und zu würdigen sind.

Jenny Erpenbeck: “Kairos”, Penguin Verlag, Hardcover, 384 Seiten. 978-3-328-60085-5, 22 Euro. (Beitragsbild von Katharina Behling)

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Kommentare

  • Hab die Rezension gern gelesen und das Buch auch.
    Um die Allegorie auf die zerfallende DDR zu verstehen, müsste ich es wohl noch einmal lesen.
    Aber auch so war es ein sehr spannendes, intensives Leseerlebnis

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