Jana Volkmann: Auwald – Das Loch in der Welt

Jana Volkmann: Auwald – Das Loch in der Welt

Ein liebens- und lesenswerter zweiter Roman von Jana Volkmann

Auwald – schon der Titel klingt märchenhaft, und tatsächlich trägt der Roman Züge eines Märchens; neben Kurzgeschichten und Erzählungen übrigens bereits der zweite Roman der 1983 in Kassel geborenen und in Wien lebenden Autorin.  Es sei ein Roman über den Versuch eines Neubeginns, so kann man über Jana Volkmanns neuen Roman „Auwald“ lesen; ein Versuch, das Gewohnte hinter sich zu lassen und zu verschwinden, vor aller Augen verloren zu gehen, aller Bindungen sich loszusagen, jedenfalls für’s erste. Diese Beobachtungen sind zweifellos richtig und umreißen treffend die Handlung dieses bemerkenswerten Buches, das so voll ist von wunderbaren Sätzen. Und doch sind sie nur die halbe Wahrheit, im Grunde geht noch viel mehr verloren.

Jana Volkmann erzählt vom Fremdsein und Zuhausefühlen

Jana Volkmann Auwald Cover Verbrecher Verlag

Die Handlung ist rasch mitgeteilt: Judith arbeitet, nach einem abgebrochenen Architektur-Studium, als Tischlerin in einer kleinen Schreinerei. Einen besseren Platz kann es für sie im Grunde gar nicht geben; es ist ein besonderer Ort, morgens vollzieht sie beim Eintritt in die Werkstatt ein „Übergangsritual, um ja nicht nahtlos von der einen in die andere Welt zu wechseln“. (In diesem Sinne kommt der Werkstatt im Handlungszusammenhang große Bedeutung zu.) Unmittelbar vor ihrem Verschwinden arbeitet sie mit Akribie und Hingabe an einem „Hausmodell oder Modellhaus“, das für sie ein „kleines leeres Universum ist, in dem sie sich zuhause fühlte, ohne Teil von ihm zu sein.“ Mit dem Eindringen in ihre Arbeitsweise kommen auch die Leser*innen der Protagonistin näher, ebnet uns die Autorin einen Weg über die Distanz hinweg, die uns im Grunde beständig von ihr trennt.

Von einer, die aufbrach, das Fürchten zu verlernen

Gründe für Judiths Aufbruch gibt es viele – oder keinen. Von ihrer Freundin scheint sie sich mehr und mehr zu entfremden, enge Beziehungen zu Menschen pflegt sie nicht, ja vermeidet sie dadurch, dass sie auf eine ganz eigene Weise unberührbar bleibt. So will es der Zufall, dass sie ein Ticket für die Fähre von Wien nach Bratislava auf der Straße findet und kurzentschlossen die kleine Reise antritt. Dort angekommen, wird ihr jedoch das Portemonnaie gestohlen und damit auch die Fahrkarte für den Rückweg. Der Roman erzählt von einigen wundersamen – und vielfältig deutbaren – Begegnungen, eine davon ist die mit der mysteriösen Taschendiebin, die auf Judith große Faszination ausübt und zum Objekt des Begehrens wird. Die Reise, die für Judith nun erst beginnt, geht ins Offene, in den Wald hinein und wieder hinaus.

Suche nach dem eigenen Selbst

Doch in der Zwischenzeit geschieht etwas, das ihr die Rückkehr in die Welt, wie sie sie einst kannte, unmöglich macht: Eine nicht weiter erklärte Katastrophe hat sich ereignet, das Schiff, das Judith nach Wien hätte zurückbringen sollen, geht verloren und bleibt verschollen. Wie all das zusammengehört, wird nicht aufgeklärt; doch je in sich gekehrter und von allem abgeschlossen Judith lebt, desto näher kommen wir ihr (die Erzählperspektive wechselt irgendwann in die erste Person) und nehmen Teil an ihren Gedanken, die Jana Volkmann in glasklar-und-dennoch-poetischer-Sprache mitteilt:

„Ich singe weiter vor mich hin, aber nur in Gedanken. Und dann fällt es mir auf, zwischen zwei Strophen, die ich mir aus mindestens drei Liedern zusammengeklaubt habe. Verschallen. Daher kommt verschollen. Wer verschollen ist, der schallt nicht mehr, der klingt nicht mehr, nicht einmal sein Echo.“

Der folgende Satz, nicht untypisch und ein Merkmal, das den Roman so liebens- und lesenswert macht, bricht mit dieser Stimmung, kippt ins Selbstseziererische, in Ironie und Humor.

„Auwald“ lässt sich – darauf deuten verschiedene zentrale Metaphern wie Tunnel, Loch und Höhle hin – tiefenpsychologisch verstehen als Suche nach dem eigenen Selbst; überzeugend ist der Roman, weil er nicht mit romantisierend-großen Erkenntnissen aufwartet (und daher auch nicht belehrend wirkt, ein Plädoyer für ‚richtige‘ oder alternative Lebensformen darstellt und die Katastrophe instrumentalisiert), sondern die individuelle Erfahrungswelt einer jungen Frau erschließt, die durch das Loch in der Welt zu entkommen versucht, sich selbst zurücklassend und sich selbst findend zugleich.

Jana Volkmann: „Auwald“, Verbrecher Verlag, Hardcover, 184 Seiten, 978-3-95732-446-7, 20 Euro. (Beitragsbild von Manfred Poor)

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