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8. Januar 2026Die langersehnte Wiederveröffentlichung des Meilensteins „Madar“ von Jan Garbarek, Anouar Brahem und Ustad Shaukat Hussain im Rahmen der „Luminessence“ Serie von ECM Records.
Was für ein außergewöhnliches Zusammentreffen: Jan Garbarek, eine der prägendsten Stimmen des europäischen Jazz und zentraler Protagonist der von ECM entwickelten Ästhetik zwischen Improvisation, Klangraum und Stille; Anouar Brahem, der die Oud aus ihrem primär traditionellen Kontext herausgelöst und zu einem Schlüsselinstrument zeitgenössischer, grenzüberschreitender Kunstmusik gemacht hat; sowie Ustad Shaukat Hussain, Vertreter jener Generation indischer Tablaspieler, die tief verwurzelte rhythmische Tradition mit höchster improvisatorischer Flexibilität verband. Auf „Madar“ (erstmals 1994 veröffentlicht) begegnen sich diese drei Musiker und schaffen gemeinsam eine Musik, die zuvor und danach in dieser Form nicht existierte.
Bereits aus historischer Perspektive markiert das Album einen signifikanten Moment innerhalb der ECM-Diskographie. „Madar“ steht exemplarisch für jene Produktions- und Klangästhetik, die häufig als „ECM-Sound“ beschrieben wird: eine konsequente Reduktion auf Wesentliches, eine ausgeprägte räumliche Tiefenstaffelung sowie eine Offenheit gegenüber transkulturellen musikalischen Idiomen. Zugleich überschreitet das Album frühzeitig jene Grenzziehungen zwischen Jazz, sogenannter Weltmusik und zeitgenössischer Improvisation, die in den frühen 1990er-Jahren noch weitgehend diskursiv stabil waren.
Zwischen Atem und Resonanz
Schon das eröffnende Titelstück exponiert exemplarisch die ästhetische Grundhaltung von „Madar“: einen weit gespannten, bewusst sparsam ausgeleuchteten Klangraum, in dem Stille und Resonanz eine ebenso tragende Rolle spielen wie das gespielte Material. Garbareks Saxofonlinien fungieren dabei als orientierende Instanz – klar konturiert, atmend und mit jener zurückhaltenden Expressivität vorgetragen, die für sein ECM-Schaffen seit den 1970er-Jahren charakteristisch ist. Unter dieser melodischen Führung etabliert Brahems Oud ein modales Fundament, das sich konsequent funktionaler Harmonik entzieht und stattdessen in zyklischen Bewegungen kreist und vertieft. Trotz seiner offenen Anlage ist das Titelstück dabei streng strukturiert: Ein wiederkehrendes motivisches Keimmaterial bildet den formalen Kern, von dem aus sich Garbareks melodische Variationen allmählich verdichten. Shaukat Hussains Tabla-Spiel übernimmt in diesem Gefüge eine gleichberechtigte, dialogische Rolle – nicht als bloßes rhythmisches Gerüst, sondern als fein nuancierender Impulsgeber, der durch subtile Akzentverschiebungen und mikrozeitliche Irritationen eine permanente latente Spannung erzeugt. Die Improvisation folgt keinem linearen Crescendo, sondern einem wellenförmigen dramaturgischen Verlauf, in dem Verdichtung und Rücknahme einander ablösen und so einen erzählerischen Bogen formen, der sich langsam und geduldig entfaltet.
Erzählerische Bögen
Charakteristisch für „Madar“ ist insgesamt das produktive Spannungsverhältnis von improvisatorischer Offenheit und klarer formaler Anlage. Diese Form der „strukturierten Improvisation“ zieht sich durch das gesamte Album und verleiht der Musik eine bemerkenswerte innere Kohärenz. Besonders deutlich wird dies in „Joron“, einer Gemeinschaftskomposition Garbareks und Brahems, in der kurze, beinahe fragmentarische melodische Gesten aneinandergereiht werden und gerade durch ihre Zurückhaltung eine ausgeprägte narrative Qualität entwickeln. Die Musik erzählt hier weniger durch thematische Ausarbeitung als durch das kontrollierte Setzen von Impulsen, Pausen und Wiederholungen. Musikhistorisch lässt sich dieser Ansatz als Weiterentwicklung transkultureller Improvisationsmodelle lesen, wie sie seit den 1970er-Jahren im Jazz und in angrenzenden Feldern erprobt wurden. Im Unterschied zu vielen früheren „Fusion“-Konzepten verzichtet „Madar“ jedoch auf demonstrative Virtuosität oder stilistische Verschmelzung zugunsten einer dialogischen Koexistenz der beteiligten musikalischen Sprachen.
Jan Garbareks nachhaltige Vision
Besonders eindrucksvoll sind auch Brahems Solo-Vortrag „Bahia“ sowie das luftig anmutende „Qaws“, in dem die rhythmischen Impulse der Tabla stärker in den Vordergrund treten und dem Album zusätzliche Beweglichkeit verleihen. Trotz der dem Album innewohnenden kontemplativen Aura bleibt die Musik in jeder Sekunde transparent: Jede Stimme erhält ihren eigenen, großflächigen Resonanzraum, ohne sich von den anderen abzugrenzen oder zu hierarchisieren.
In der Gesamtschau erweist sich „Madar“ als ein Werk von außergewöhnlicher Nachhaltigkeit. Es gilt zu Recht als einer der zeitlosen Klassiker des Münchener Ausnahme-Labels ECM und wird in der Fachliteratur häufig als Referenzpunkt für gelungene transkulturelle Improvisationsmusik herangezogen. In der aktuellen Wiederveröffentlichung im Rahmen der Luminessence-Reihe tritt diese Qualität erneut deutlich hervor: Die klanglich herausragende Neupressung unterstreicht, wie beispielhaft hier musikalischer Austausch jenseits von Stil- und Herkunftsgrenzen realisiert wird – konzentriert, respektvoll und von seltener, stiller Schönheit.
„Madar“ von Jan Garbarek erscheint am 07.11.2025 bei ECM Records. (Beitragsbild von Roberto Masotti, von links nach rechts: Produzent Manfred Eicher, Jan Garbarek und Anouar Brahem)





