James Baldwin: Ein anderes Land

James Baldwin: Ein anderes Land

Mit „Ein anderes Land“ ist die fünfte Neu-Übersetzung der Bücher des afroamerikanischen Autors James Baldwin erschienen

Rufus ist ein übler Sexist. Der schwarze Jazz-Schlagzeuger hat allen Grund auf die rassistische Welt New Yorks in den 50er-Jahren sauer zu sein. Sein Vokabular Frauen und manchen Freunden gegenüber wirkt jedoch zutiefst abstoßend. Hauptopfer seiner unkontrollierten Wut und Aggression wird seine weiße Freundin Leona, die aus dem Süden der Staaten vor ihrem gewalttätigen Mann in den Big Apple floh. Ihre Beziehung zu Rufus artet indes in einer beiderseitigen Selbstzerstörungsorgie. Leona endet in einer Psychiatrie und Rufus springt von der Washington Bridge in den Tod, am Ende zerfressen von Welt- und Selbstekel.

Ein spektakulärer Romanbeginn

James Baldwin Ein anderes Land Cover dtv

Zu diesem Zeitpunkt hat James Baldwin etwa ein Fünftel seines im Original 1962 („Another Country“) veröffentlichten Romans „Ein anderes Land“ erzählt. Ein aufsehenerregender, die beiden Schwerpunkte Rassismus und Identität spektakulär einführender Romanbeginn. Auf den folgenden gut 450 Seiten beleuchtet  Baldwin das Leben von Rufus‘ Schwester Ida sowie seines weißen Freundeskreises um den angehenden Schriftsteller Vivaldo und des Ehepaars Richard und Cass, die sich zwar alle vorwerfen, das drohende Unheil nicht rechtzeitig erkannt zu haben, für die das Leben jedoch weitergeht.

Vivaldo beginnt eine letztendlich unerquickliche, von Eifersucht dominierte Beziehung mit Ida, die ihn mit dem ihr eine Karriere als Sängerin versprechenden Manager Ellis betrügt. Vivaldo versucht seine Verzweiflung in einer Nacht mit dem Schauspieler Eric zu lindern, der früher eine Liaison mit Rufus hatte und nun auf die Ankunft seines jungen Geliebten Yves aus Paris wartet. In einer Affäre mit Eric sucht auch Cass Trost, nachdem sie sich von Richard aufgrund dessen Buchprojekts schon länger vernachlässigt fühlt.

James Baldwin zwischen Drama und Seifenoper

Baldwins Protagonisten sind getrieben vor Sehnsucht nach Liebe, für die meisten, trotz des Hoffnungsschimmers am Ende, mit desillusionierenden Aussichten, ob mit oder ohne sexueller Ambivalenz. James Baldwin pendelt in diesem Setting zwischen Drama und Seifenoper. Den mit seinem Debütroman „Von dieser Welt“ (im Original „Go Tell It On The Mountain“, 1953) entfachten stilistischen Furor erreicht Baldwin hier zwar nicht, mangelnde Leidenschaft kann man ihm aber nicht vorwerfen. „Ein anderes Land“ – und sei es passagenweise – als „trivialen Gefühlskitsch“ zu bezeichnen, wie es die Kollegin Sigrid Löffler in der SZ tat, wird dem Roman nun allerdings wirklich nicht gerecht.

Zu viel Feuer und Idealismus brannte in James Baldwin auch zu Beginn der 60er-Jahre, und viel politisch-intellektueller Überbau kennzeichnet diesen Roman ebenfalls, um ihn als zu oberflächlich zu disqualifizieren. Nein, alle jetzigen und zukünftigen Baldwin-Leser können diesen, wie bereits „Von dieser Welt“, „Beale Street Blues“ und „Giovannis Zimmer“, erneut hervorragend von Miriam Mandelkow übersetzten Roman aufgrund seiner hohen Intensität absolut goutieren.

James Baldwin: „Ein anderes Land“, dtv, aus dem amerikanischen Englisch von  Miriam Mandelkow. Hardcover, 576 Seiten, 978-3-423-28268-0, 25 Euro. (Beitragsbild-Credit: Ullstein Bild Roger Viollet Jean Pierre Couderc) 

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