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16. Juni 2026Für feinen Folkrock aus Norddeutschland steht schon lange die Band Someday Jacob. Ihr Frontmann Jörn Schlüter brilliert nun auch solo.
von Werner Herpell
Man tritt Jörn Schlüter sicher nicht zu nahe, ja vermutlich freut er sich sogar darüber, wenn man ihn mit seinem ersten Soloalbum in den Fußstapfen eines Jeff Tweedy, Gary Louris oder Jim James verortet. Das passt sowohl in stilistischer Hinsicht – geboten werden Folkpop, Roots-Rock, Americana, alles gespielt mit einer entspannten Singer-Songwriter-Attitüde ohne belastenden Leistungsdruck. Und wie Tweedy (mit Wilco), Louris (mit The Jayhawks) oder James (mit My Morning Jacket) führte Schlueter, ehe es nun eine Platte unter eigenem Namen sein musste, ein bewährtes Bandprojekt, gewissermaßen als sicheren Hafen.
Musikjournalist und Musiker
In seinem Fall ist es die Bremer/Hamburger Band Someday Jacob, deren Alben „Everybody Knows Something Good“ von 2017 und „Oxygen Will Flow“ von 2020 auch bei Sounds & Books sehr wohlwollend aufgenommen wurden. Schlüters Alleinstellungsmerkmal im Vergleich zu den drei eingangs genannten US-Folkrock-Helden: Er fungiert im Hauptberuf als Journalist und Popkritiker, schreibt für den deutschen „Rolling Stone“ über die Protagonisten des Genres (und vieles mehr), ist also eigentlich „einer von der anderen Seite“.
Dies heißt aber nicht, dass seine Musik songschreiberisch nicht ernstzunehmen wäre oder wie ein Hobbykeller-Produkt klänge – so gar nicht. Auch das nun unter dem anglisierten Kürzel J Schlueter erscheinende Soloalbum „The Other Mile“ dürfte jedem Hörer gefallen, der etwas für Wilco, The Jayhawks und My Morning Jacket, vor allem aber auch für den folkigen Neil Young der 70er („Complicated“ und „Springtime“ könnten glatt als „Harvest“-Outtakes durchgehen) sowie dessen eifrige Adepten America („Fly Blind“, „Win Me Over“) oder auch The Eagles (das Titelstück) übrig hat. In den zehn Liedern balanciert Schlüter gekonnt zwischen sonniger Westcoast-Pop-Psychedelik und abendlicher Countryrock-Wehmut.
„Diese Songs kamen dicht an dicht“
Nach zwölf Someday-Jacob-Jahren mit 45 Songs, vier Studioalben und einer EP (eine weitere Platte der norddeutschen Band soll in Arbeit sein) nun also „The Other Mile“. Ein reifes Americana-Werk, dessen Entstehung und Sound durchaus an den ebenfalls dieses Jahr veröffentlichten Solo-Ausflug „Perfect Cloudy Day“ des Karlsruher Bandleaders Pete Jay Funk (No Sugar, No Cream) erinnern. Anfang 2024 entstand binnen weniger Wochen unerwartet ein fast vollständiges Repertoire, erzählt Schlüter. „Normalerweise habe ich zuerst einen Song, aus dem dann das gesamte Album fließt. Aber diese Songs kamen dicht an dicht. Sie hingen aneinander wie eine Schar Hühner, die jemand auf dem Feld vergessen hat – sie brauchten ein Zuhause.“
Die Melancholie, die so einige Lieder auf dem Zuhause namens „The Other Mile“ durchweht, kommt nicht von ungefähr. Die Songs entstanden „in einem Moment der Krise, die Jörns gewohntes Leben praktisch zum Erliegen brachte“, so sein Label Hey!blau Records. Er habe damals „viel Zeit mit einer alten Bekannten, der Angst“, verbracht. „Sie ist eine gute Freundin, aber manchmal bleibt sie zu lange – wie der letzte Gast bei einer Party, der nicht versteht, dass die Gastgeber ins Bett wollen. Es hat eine Weile gedauert, ihr das klarzumachen“, sagt der Songwriter selbst. Herausfordernde Zeiten, die Schlüter als Einladung verstand, zu wachsen und sich selbst einen Schritt näher zu kommen.
Promi-Beiträge für „The Other Mile“
Die neuen Songs reflektieren solche Überlegungen. „Für mich ist Songwriting wie ein milchiger Spiegel“, erklärt Schlüter, der als Journalist schon so oft über Songwriting geschrieben hat, dass ihm die Selbstbespiegelung vielleicht etwas leichter fällt als anderen Musikern. „Ich poliere so lange an ihm herum, bis ich mich selbst erkennen kann – oder jedenfalls den Anteil von mir, um den es in dem Song geht.“ Als die Krise im Herbst 2024 überwunden war, rief er zwei Freunde an, um die entstandene Musik aufzunehmen: Matthias Meusel, 20 Jahre lang Schlagzeuger von Roger Cicero, und Stephan Gade, Bassist unter anderem für Niels Frevert. „Ich fühlte etwas Sanftes, aber auch etwas Verwurzeltes“, sagt Schlüter über sein Songmaterial. „In meinem Kopf waren es immer Matthias und Stephan, die diese Lieder spielen.“
Ein weiterer Musiker war maßgeblich an „The Other Mile“ beteiligt (und damit haben wir wieder die Verbindung zu den oben genannten US-Koryphäen): Eric Heywood, der die Pedal-Steel-Gitarre unter anderen für Son Volt, The Jayhawks oder Joe Henry spielte, erzeugte eine zusätzliche Schicht Roots-Wärme. Und noch eine ziemlich eindrucksvolle Ami-Folkrock-Connection gibt es: Gemischt hat das Album der Wilco-Produzent Tom Schick im Wilco-Studio The Loft in Chicago. „Ich liebe es, wie unterschiedlich die Platten klingen, an denen er arbeitet“, so Schlüter. „Er hat die Aufnahmen aus dem Studio-Nord nicht grundsätzlich verändert – er hat einfach nur alles besser gemacht.“
J Schlueter lässt die Krise hinter sich
Den Klang des Albums gemastert hat schließlich Stephen Marsh, der unter anderem Jeff Tweedys Solo-Alben betreute. „Ich finde so großartig, wenn ein Klang spürbar ist, wenn ich mich in ihn hineinfallen lassen kann“, jubiliert Jörn Schlüter über das Ergebnis. In seinem Fall hat die tiefe persönliche Krise eine wunderbare Soloplatte generiert. Chapeau!
Das Album „The Other Side“ von J Schlueter erscheint am 19.06.2026 bei Hey!blau Records. (Beitragsbild von Andreas Weiss)





