Interview mit der österreichischen Autorin Vea Kaiser

Interview mit der österreichischen Autorin Vea Kaiser

Vea Kaiser im Gespräch über ihre Romane, Helden, Griechenland, Heimat, Familie und den FC St. Pauli

Aufzeichnung und Fotos von Gérard Otremba

Während ihrer Lesereise zum neuen Roman „Makarionissi oder die Insel der Seligen“ gastierte die österreichische Schriftstellerin Vea Kaiser auch in Hamburg. Vor ihrer Lesung in der Buchhandlung Cohen + Dobernigg unterhielt ich mich mit ihr über ihre Romane, über Helden, Griechenland, Heimat, Familie, Romantik und den FC St. Pauli.

 

Vea, die Widmung Deines neuen Romans heißt, „Für meine Helden und Herzensbrecher“. Was ist für Dich ein Held und gibt es die in der modernen Welt noch?

Doch klar! Für mich sind Helden alle Menschen, die was machen, von dem sie wissen, dass es richtig ist, aber gleichzeitig wissen, dass es Ihnen das Leben etwas schwer macht. Zum Beispiel Menschen, die in die Gebiete der Ebola-Katastrophe hingehen, um dort Kranke zu heilen. Bei uns in Österreich haben wir zurzeit eine riesige Flüchtlingsdebatte und obwohl die SPÖ versucht, sich momentan sehr an die Freiheitlichen anzubiedern, gibt es genügend SPÖ-Politiker, die trotzdem für den Schutz der Flüchtlinge eintreten. Und das sind dann für mich auch Helden. Menschen, die aus Überzeugung etwas machen und ihr eigenes Schicksal zurückstellen.

 

Wie heißen Deine literarischen Helden?

(Lachend) Schriftsteller-Helden, das ist schwierig. Nach meiner Definition des Helden eben, muss ich Mahmoud Doulatabadi, den berühmtesten Autoren des Iran nennen, dessen Bücher im Iran auch mal nicht ausgeliefert oder gedruckt werden, der sich aber trotzdem nicht dem Regime gegenüber anbiedert. Bei den Vorbildern ist an erster Stelle John Irving zu nennen, der größte lebende Schriftsteller. Jeffrey Eugenides lese ich wahnsinnig gerne. Große Erzähler generell, Marquez, Doderer, Tolstoi, Dostojewskij, Ivo Andric und altgriechische Epen.

 

Sowohl in Deinem Debütroman Blasmusik-Pop, als auch im Makarionissi ist das Thema „Heimat“ allgegenwärtig. Wie definierst Du Heimat für Dich?

Keine Ahnung! Ich finde der Heimatbegriff ist einer der problematischsten unserer Zeit. Die Frage nach der Heimat wird dann aktuell, wenn sich alle Menschen bewegen können, manche machen es, andere nicht und andere müssen. Ich finde es problematisch, dass man es so geographisch festsetzt, so eine Art Stammesdenken. Dass man festlegt, jeder Mensch muss eine Heimat haben. Heimat wird immer dann aktuell, wenn man sich entwurzelt fühlt, oder seinen eigenen Garten beschützen will. Ich selbst könnte nicht sagen, was es eigentlich bedeutet Ich habe auch noch nie zwei übereinstimmende Definitionen von Heimat gehört. Die beste Definition, die ich bisher gehört habe, war die eines Journalisten, der meinte, es ist die Website eines österreichischen Bauunternehmers: heim.at.

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Ein weiteres wichtiges Thema, das ich in beiden Deiner Bücher herausgelesen habe, ist „Familie“. Was bedeutet Dir Familie, wie erlebst Du Familie?

Mir bedeutet Familie sehr viel. Ich komme ja aus einer traditionellen österreichischen Großfamilie. Sie ist wahnsinnig präsent, ich habe eine Obsession für Familie. Was ich in Gesprächen mit Freunden und Verwandten über Familie gelernt habe ist, egal wie man sich zur Familie verhält, ob man mit denen total eng ist, oder total zerfetzt, oder Konflikte austrägt, oder ob das alles ganz schön ist, eins ist immer gleich, man entkommt ihr nicht. Familie prägt uns, Familie begleitet uns. Es ist wichtig, dass man irgendwie mit der Familie auf einen grünen Zweig kommt.

 

Dein Debütroman Blasmusik-Pop bleibt bis auf eine kleine Wien-Episode schön brav im österreichischen Alpen-Dorf St. Peter, während Makarionissi aus einem griechischen Bergdorf hinaus in die Welt bis nach Chicago reicht. Hat Vea Kaiser die Welt erobert?

Na ja, ich denke, ein Buch legt mich noch nicht wirklich fest. Die Welt erobert sicherlich nicht, aber für mich war es nach „Blasmusik-Pop“, wo ich gedanklich auch immer im Dorf war, wichtig, dann beim Schreiben auch mal rauszugehen. Es war für mich selber wichtig und es hat mich immer interessiert, im Dorf zu bleiben. aber das Interessante bei „Makarionissi“ ist, es geht zwar nach Chicago, in eine Weltmetropole, aber es spielt alles in Greek Town in Chicago. Ich habe sicherlich eine Obsession für überschaubare Milieus, für das menschliche Dorf in der Großstadt. Diese kleinen Gemeinschaften finde ich sehr spannend.

 

Ich war ja noch nie in St. Pölten, aber die Stadt kommt meiner Meinung nach in Makarionissi nicht wirklich gut weg. Darfst Du dort eigentlich noch in Ruhe spazieren gehen?

Ich muss dazu sagen, es gibt nichts Langweiligeres als Romane, die alles immer gut finden. Ich bin St. Pölten geboren und dort zur Schule gegangen und es ist natürlich liebevoll ironisch gemeint. Die Lesung in St. Pölten war eine der meistbesuchtesten, die Leute sind hingeströmt, um sich selber ein Bild zu machen. Ich finde auch nicht, dass es so unfassbar schlecht wegkommt. Man muss ja beachten, aus welcher Perspektive berichtet wird, nämlich aus der Perspektive eines jungen Mannes, der eigentlich ganz woanders sein wollte. Lefti und Trudi kommen ja sehr gut dort zurecht, aus der Weltsicht von Iannis kommt St. Pölten natürlich nicht so gut weg. Aber nein, ich darf noch nach St. Pölten einreisen.

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In Makarionissi beschreibst Du die Geschichte einer griechischen Familie über mehrere Generationen. Nun ist Griechenland in den Medien seit geraumer Zeit Tagesthema Nummer eins. Was wünschst Du der griechischen Bevölkerung?

Ich wünsche der griechischen Bevölkerung sehr viel Gutes, und zwar in allen Bereichen. An der Griechenlandkrise leidet ja nicht der mitteleuropäische Steuerzahler, sondern die Menschen in Griechenland, die Menschen, die nur noch einen ganz reduzierten Zugang zu medizinischen Versorgung haben, die Pensionen gestrichen bekommen, besonders meine Generation, die aufgegeben wurde, die kaum eine Chance hat, wenn sie in Griechenland bleibt. Ich wünsche ihnen alles Gute auf allen Ebenen, dass viele Touristen wiederkommen, dass irgendein System funktioniert, damit die Sozialleistungen wieder angehoben werden.

 

Dein erster Roman Blasmusik-Pop war ein beachtenswerter Erfolg mit bislang über 100 000 verkauften Exemplaren. Wie bist Du damit umgegangen und was hat sich für Dich verändert?

Es war ein riesen Verkaufserfolg im Bereich der Belletristik. Wir reden hier aber nicht über die Donna Leon-Krimis, da ist also schon Luft nach oben. Aber es hat sich geändert, dass ich vom Schreiben leben kann, gut leben kann. Es hat sich geändert, dass ich auf der Straße erkannt werde und es hat sich geändert, dass jetzt die Kronen-Zeitung, die österreichische Bild-Zeitung, einen Bericht über meinen Hund schreibt. Ich musste mit 23 Jahren schnell erwachsen werden, das klassische Studentenleben war dann vorbei. Das Schöne und Positive ist, dass ich gehört werde, dass ich Menschen mit meinen Anliegen erreiche, wie zu den Themen Asyl und Flüchtlingspolitik. Oder das Thema Amazon. In meinem Kampf für die lokalen Buchhandlungen konnte ich eine riesige Gruppe Menschen erreichen, ansprechen und Gründe gegen Amazon nennen.

 

Fällt Dir das Schreiben Deiner Romane genau so leicht und beschwingt, wie sie sich lesen?

(Mit Nachdruck) Natürlich nicht, natürlich nicht. Ich vergleiche das gerne mit dem Kochen. Du bekommst eine Speise und die ist wahnsinnig köstlich und du genießt sie wirklich leicht, dann kannst du sicher sein, der Koch steht verschwitzt und mit einer Nervenanspannung ohne Ende in der Küche. Ich finde das Schreiben wahnsinnig anstrengend und schwitze auch dabei.

 

Bist Du ein romantischer Mensch?

Das ist eine gute Frage. (Denkt nach…) Bedingt, bedingt. Ich suche jetzt nicht danach, aber wenn Romantik fasziniert, dann finde ich sie total nett. In der Frage der Liebe ist mir Humor viel wichtiger als Romantik. Mein Freund ist der unromantischste Mensch auf der ganzen Welt. Er hat mir nur einmal im Leben Blumen geschenkt und auch nur weil er ein schlechtes Gewissen hatte. Aber wir lachen den ganzen Tag miteinander und haben Spaß und das ist mir 30 Millionen Mal wichtiger. So ein super romantischer Mensch bin ich, glaube ich, gar nicht.

 

Jetzt sitzen wir hier in St. Pauli, praktisch gegenüber des Stadions. Der Verein FC St. Pauli spielt eine wichtige Rolle in Deinem ersten Roman Blasmusik-Pop. Wie ist ausgerechnet der FC St. Pauli in das österreichische Alpendorf St. Peter gekommen?

Weil ich es zu lustig finde, dass St. Peter gegen St. Pauli spielt. Ich bin mir nicht mehr sicher, was zuerst da war, die Henne oder das Ei, der Fußball oder die Namen. Die Idee zu dem Roman kam mir beim Joggen in der Nähe eines Dorfes St. Peter am Anger. Nun ist St. Peter am Anger das Springfield Österreichs, es gibt in Österreich hunderte von St. Peters und so kam es zu dem Namen und so war es angelegt, dass sie gegen St. Pauli spielen müssen.

 

Wie liest Du? Klassisch ein Buch, oder auch E-Reader?

E-Reader lese ich gar nicht. Ich habe so einen Reader, aber der ist ganz klar für Klassiker angelegt, die ich nicht im Flugzeug mitschleppen möchte. Oder für Manuskripte, oder PDF-Dateien von der Uni. Ich nutze den E-Reader wirklich nur als Gebrauchsobjekt. Aber es macht keinen Spaß, so zu lesen.

 

Wie bist Du prinzipiell den modernen Errungenschaften wie Internet, Facebook, Smartphone etc. gegenüber eingestellt?

Ich sehe da die Vorteile, die App der Deutschen Bahn zum Beispiel, wenn ich unterwegs bin und Ticket und alles andere beieinander haben kann. Zum Nachschlagen und zum Recherchieren ist das schon praktisch. Ich finde auch Facebook schön, ich habe da Freunde in der ganzen Welt, vom Iran bis nach Deutschland und Japan und es ist super, zu verfolgen, wie es ihnen geht und was sie tun. Aber ich sehe auch viele Kehrseiten. Was mich sehr nervt an den neuen Medien ist die Schnelllebigkeit und die häufige Zeitverschwendung. Ich finde es wichtig, das ganze Internetding dort zu belassen, wo es ist, nämlich im Internet, in der virtuellen Welt. Man schaltet es ein und man schaltet es wieder ab. Ich finde, ein Handy hat im Bett nichts verloren. Man muss das trennen und darf nicht vergessen, dass das reale Leben draußen ist.

Vielen Dank für das Gespräch, Vea!

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