Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder

Aufstieg und Fall eines Dresdner Buch-Antiquars, von Ingo Schulze klassisch und trickreich erzählt

Märchenhaft-romantisch, fast verklärt, eröffnet Ingo Schulze seinen neuen Roman. Der mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnete Schriftsteller führt uns in den Dresdner Stadtteil Blasewitz zur DDR-Zeit und hinein in das Leben des dort ansässigen Buch-Antiquars Norbert Paulini. Dieser hat sein Leben ganz und gar der schönen Literatur gewidmet. In seinem Antiquariat finden sich seltene und kostbare Ausgaben diverser, die Literaturgeschichte bereichernder Autoren. Als profunder Kenner ebenjener Werke macht sich Paulini einen Namen über die Grenzen Dresdens hinweg. Sein Laden entwickelt sich zu einem Hort des Kulturbürgerturms, wo sich  jeden Samstag Literaten und politische Freidenker zu Gesprächen treffen. Paulini selbst, der aufgrund seiner Lesebesessenheit schon als Kind zu den Außenseitern gehörte, hat sich das Kauzige bewahrt und politisch nie eingemischt.

Der Mauerfall und das Ende des Antiquariats

Ingo Schulze Die rechtschaffenen Mörder Cover S.Fischer Verlag

Sein Leben hätte für ihn ewig so weitergehen können, allein der Mauerfall verhinderte die ungestörte Fortsetzung. Der Kapitalismus macht sich in der DDR breit, kaum jemand interessiert sich mehr für Paulinis Schätze, die Bücher verlieren an Wert und manche enden sogar im Müll. Das Antiquariat meldet Konkurs an, Paulinis Ehe scheitert, nachdem klar wird, dass seine Frau als Stasi-Spitzel über die Samstagtreffen Berichte geschrieben hat. Er arbeitet an der Kasse eines Supermarktes und schließlich als Nachtportier, ein Job, der ihm immerhin genügend Lesezeit einräumt. Mit dem sozialen Abstieg des zwar immer noch angesehenen, aber nun wirkungslosen Antiquars, geht eine gravierende persönliche Veränderung einher. Der einst politisch neutrale Paulini, der seit vielen Jahren nur noch deutschsprachige Literatur liest, sympathisiert nun offen mit rechten Strömungen wie Pegida und muss sich einem polizeilichen Verhör stellen.

Ingo Schulze und die Meta-Ebene

Relativ abrupt endet die stilistisch sehr klassisch verfasste Paulini-Geschichte und ihr Erzähler, der den Antiquar während der samstäglichen Runden kennenlernte, meldet sich nachdrücklich im zweiten Teil zu Wort. Schultze heißt der Autor, dem Ingo Schulze eine ähnliche Vita wie die seinige andichtet, der eine Liebesbeziehung zu Paulinis Freundin Lisa führt und der an Paulini als Romanfigur zweifelt. Den Clou perfekt macht Schulze, als er im dritten und letzten Teil Schultzes Lektorin als Erzählperson einführt, eine nächste Meta-Ebene erfindet und die Leser mit einer neuen Romanwendung überrascht. Ingo Schulzes Antiquariatsbeschreibungen sind ein Fest für alle literaturbegeisterte Menschen. Ein literarisches Eldorado und eine Aufforderung, das nächste Antiquariat nach superber Literatur zu durchforsten.

Ingo Schulze erzählt in einem sensiblen Ton

Die Frage nach der Entstehung des Wutbürgertums beantwortet der in Dresden geborene Schriftsteller keineswegs plakativ, zeichnet aber mit seiner Hauptfigur einen Menschen, der im Osten Deutschlands nach 1989 seinen existenziellen Lebensmittelpunkt verloren hat und somit als Paradebeispiel für viele „Verlierer“ der Postwendezeit dient. Ein Verlust, der auch im Bildungsbürgertum möglich ist, ein Verlust, den Schulze in einem sensiblen Ton erzählt. „Die rechtschaffenen Mörder“ beschreibt eine Welt, in der wir niemanden mehr trauen können, nicht einmal mehr dem Schriftsteller, der hier die Möglichkeiten und Tücken des biographischen Erzählens auslotet. Trauen können wir indes immer noch guter Literatur, und die hat Ingo Schulz zweifellos verfasst.

Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“, S. Fischer, Hardcover, 320 Seiten, 978-3-10-390001-9, 21 €. (Beitragsbild: Buchcover)

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Kommentare

  • Jens

    Bitte unbedingt das Buch „Wasserscheiden“ von Alfred DeMichele rezensieren! Das ultimative Buch zur derzeitigen Coronakrise und deren Folgen!

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