Im Rückspiegel: Hamburg-Konzerte

Im Rückspiegel: Hamburg-Konzerte

In der Kolumne “Im Rückspiegel” fasst Sounds & Books die Hamburg-Konzerte der letzten Woche von Lucy Kruger, Baits, POM und Mabe Fratti zusammen

Am Donnerstagabend ist ein Konzert gesetzt: Lucy Kruger & The Lost Boys spielen in der schön muckeligen Kneipe Aalhaus. Bisher überzeugte die südafrikanische Künstlerin Lucy Kruger eher mit zurückgenommener, eindringlicher Musik. Aber schon auf ihrem aktuellem Album „Transit Tapes (for women who move furniture around)“ fiel auf: Neben Dream-Pop ist auch Shoegaze darauf vertreten.

Dream-Pop und Shoegaze von Lucy Kruger & The Lost Boys im Aalhaus

Auf der Bühne steht Kruger in vierköpfiger Bandbesetzung: Unterstützt wird sie von zwei Boys an Bass und Schlagzeug und einem Girl an der Gitarre. Wahnsinnig intensiv und auch mal zupackend – Kruger ist eine echte Künstlerpersönlichkeit, von der „Herangehensweise ähnelt ihre kreative Arbeit der einer Archäologin – hier wird auch den kleinsten Elementen genaue Aufmerksamkeit geschenkt, um das große Ganze besser verstehen zu lernen.“ So darf der Bassist auch schon mal sein Instrument mit dem Bogen einer Violine bearbeiten.

Als Support empfahl sich indes die Hamburger Singer-Songwriterin Anna Wydra in Trio-Besetzung mit Unterstützung an der Stromgitarre und Violine mit dezent-folkigen Klängen aus ihrem Debütalbum „The Absurdity Of Being“, das allerdings in fünfköpfiger Besetzung aufgenommen wurde (und im Dezember über das Hamburger Label La Pochette Surprise veröffentlicht wird). In voller Besetzung wird dann etwas mehr gerockt (was sich Mitte August bereits beim „La Fête Surprise“-Festival im Wilhelmsburger Inselpark überprüfen ließ).

Hamburg-Konzerte mit Baits live im Nochtspeicher

Am Freitag dann die Qual der Wahl: Die Österreicher Baits überzeugen im Nochtspeicher mit einer Mischung aus sonnigem Grunge, unheimlichen Psych-Tönen und straightem Punk. Für ihre leidenschaftlichen, teils exzessiven Konzerte sind sie bekannt. Und die Presseinfo trifft den Nagel auf den Kopf: „Treibende, energiegeladene Drums, eine dynamische raue Stimme, verschrobene, aber solide Bassriffs und superschnelle Gitarrensolos machen diese Beach Grunge Indiegang zu einer Naturgewalt, die man sich live geben sollte.“

Das sieht auch Hartmut, der Tänzer so. Der 72-jährige Mann geht schon im Vorprogramm beim fuzzigen Garage-Rock von Bikini Beach richtig ab, aber bei Baits liefert er sich gar noch ein Tanzduell mit Frontfrau Sonja Maier, die nicht nur mit Stimmgewalt überzeugt, sondern auch mit Kriegsbemalung im sportlichem Dress wirklich alles aus sich herausholt. Energie pur!

Britpop, Punk und Garage von POM in der Molotow-SkyBar

Dann noch schnell rüber zu den Newcomern POM aus Amsterdam in die Molotow – SkyBar. Beim Reinhören und Reinschauen überzeugte dieses blutjunge Quintett mit den Songs der Debüt EP “Lately”, die gerade auf Mattan Records erschienen ist. Darauf vereint sind Britpop, Punk und Garage zu einem aufregenden Stilmix, den sie selber „Fuzz-Pop“ nennen. Im Molotow spielen POM tougher, nicht so nuanciert wie in dem sehenswerten Livemitschnitt, der auf ihrer YouTube-Seite zu bewundern ist. Trotzdem gut, knallt halt so richtig rein!

Die Cellistin Mabe Fratti bei den “Palmenkonzerten” im Nachtasyl

Am Samstag fällt die Entscheidung leicht: Die Konzertdirektion Palme hat die Palmenkonzerte ins Leben gerufen, eine Post-Genre-Konzertreihe für neue Musik im Dunstkreis von Klassik, Avantgarde, Jazz, Folk und Elektro. Minimalistisch, psychodelisch und unabhängig. Gute Konzerte, die eher dem Bauch als dem Kopf folgen. Palmenkonzerte sind „gewissermaßen der Algorithmus Ihres Vertrauens für Ihr persönliches Live-Erlebnis.“ verspricht der Veranstalter vollmundig.

Und ja, bei der Songwriterin und Cellistin Mabe Fratti aus Guatemala wird dieses Versprechen mehr als eingelöst: Sie spielt das Instrument auf ihre ganz eigene Art. Mehr mit Liebe zum Experiment, weniger mit perfektionistischer Disziplin. Dabei erschafft Fratti, die mittlerweile in Mexiko City zuhause ist, mit viel Gefühl, Mut und offenem Herzen ihren ganz eigenen Sound, der auf der aktuellen LP „Será que ahora podremos entendernos?“ (Unheard Of Hope) nachzuhören ist.

Live wird Fratti unterstützt von einem Gitarristen, der wenig traditionell eher ambient noises erzeugt, und einem weiteren Mitspieler am Moog. Irgendwo zwischen Ambient, Folklore, Shoegaze und Art Pop pendelt sich der Sound ein und weiß extrem zu gefallen. Auch ist das Nachtasyl genau der richtige Ort dafür: Im gemütlichen Sitzmöbel das Konzert bei gutem Rotwein aus Portugal genießen – und drüber ist ein Sternenhimmel illuminiert.

Peace Chord als Support

Nicht zu vergessen: Peace Chord im Vorprogramm, das neue Projekt des Kanadiers Daniel Robertson, auch bekannt von der Band Crack Cloud aus Vancouver. Sein Solo-Projekt überzeugt vollends – Robertson hat einen selbstgebauten modularen Synthesizer dabei, der rein optisch schon was hermacht: Er schiebt Regler, steckt Kabel und erzeugt erstaunliche Klänge. Dazu spielt er Stage Piano und singt eindringlich. Seine selbstbetitelte, sehr persönliche Platte (ebenso auf Unheard Of Hope erschienen) ist absolut hörenswert: Ätherische Songs und raumfüllende Kompositionen, die die Zuhörenden in seine Welt eintauchen lassen.

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Kommentare

  • Hartmut "The Rocking Man" z.Zt. "Thrombose Hardy"

    Für Andre Intjes:
    Sehr schöne Berichte über die Konzerte und vielen Dank für die Erwähnungen bei Baits & Bikini Beach. Du bist glaube ich eine Bereicherung und Unterstützung für Gerard.

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