„I’m pretty emo“ – Interview mit Ben Fox Smith

„I’m pretty emo“ – Interview mit Ben Fox Smith

Die Musik von Ben Fox Smith in einer Genre-Schublade zu verstauen, ist kaum möglich. Beständig mäandert der in London lebende Sänger und Multiinstrumentalist zwischen den Klangwelten, die mal melancholisch sind, mal dissonant, dann wieder zuckersüß und harmonisch. Basis seiner Ideen ist jedoch eine klassische Bandbesetzung: Gitarre, Bass, Schlagzeug, dazu Synthieklänge und eine betörende Kopfstimme von hypnotisierender Wirkung.

Am Anfang ist da Wut, gegossen in Songs, die oft die 3-Minuten-Marke nicht erreichen. Angetrieben von der Schubkraft kreischend-verzerrter Gitarren singt, schreit und näselt Ben Fox Smith. „Die Gitarren laut aufdrehen und losschrammeln, das war einfach“, berichtet Ben von der Herangehensweise, als er 1993 mit seinem Bruder Shian und Freunden Musik zu machen beginnt.

Ben Fox Smith in der Grunge-Ära

Die Grunge-Ära ist, zwei Jahre nach „Nevermind“, in voller Blüte. Auch Stony Sleep sind fasziniert von jenem Sound, der scheinbar nie zuvor dagewesene Akkordfolgen etabliert, sogar chartfähig macht und die Schwermut einer Generation perfekt in Szene setzt. Songs wie Karthoum oder Lady Lazarus schwanken zwischen ruhigen, manchmal gequält anmutenden Strophen und wilden Eruptionen im Refrain. Bis kurz vor der Jahrtausendwende ist die Band aktiv.

Sind bei den Songs von Stony Sleep die Übergänge zwischen Strophe und Refrain oft ein wenig holprig, präsentiert sich Smith‘ Nachfolgeband Serafin erwachsener. „No Push Collide“ ist ein fett produziertes, perfekt austariertes und gleichermaßen rohes Album, das allenthalben Dissonanzen enthält, die wie kleine Kiesel in einer Präzisionsmaschine knirschen. Der größte „Hit“ ist die Singleauskopplung “Day By Day”. Das Video ist eine Reminiszenz an den „Fight Club“: Ein Bürohengst in Anzug und Krawatte verirrt sich auf ein Serafin-Konzert, um schließlich kräftig mitzumoshen und erscheint am nächsten Tag lädiert zur Arbeit. Ein großartiges Album. Die Einflüsse damals: Jesus Lizard, Boys against Girls … und natürlich Nirvana.

>>> Fast Forward ins Jahr 2021 >>>

Zum Video-Interview mit Sounds & Books sitzt Ben in seinem Musikzimmer und wirkt keineswegs zerrissen wie sein frühes Vorbild Kurt Cobain. Im Gegenteil: Mit seinem gestreiften Shirt, der Hornbrille, den raspelkurzen Haaren und der sanften Stimme wirkt er fast mönchhaft ausgeglichen.Auch sind die Zeiten der wütenden Songs weit entfernt. „I’m prety emo“, sagt Ben von sich selbst. Heute sind die Songs ruhiger, atmosphärischer, manchmal fast ätherisch, aber immer noch komplex. „Um feinsinnige Musik zu machen, muss man einfach ein besserer Musiker sein“, sagt er. Heute lässt er Zwischentöne zur Geltung kommen, die früher an einer Wall of Sound zerschellt wären. Es sind nun auch Nuancen, die an Relevanz gewinnen.

Ben Fox Smith hat Bach studiert

Ben sagt, dass er sich Musik heute erarbeitet, vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Er hört Jazz, klassische Musik, habe Bach studiert um festzustellen, dass jedwede Musik, die er mag, die Leitplanken eben jener barocken Musik ignoriere. Stücke wie der Flat Earth Song oder ybiabafaics seiner Band Young Sawbones erinnern dagegen fast ein wenig an alte Pink-Floyd-Tunes, meilenweit entfernt vom Wut-Grunge früherer Tage.Seine Innovationskraft hat Ben Fox Smith von Jahr zu Jahr auf neues Terrain verschlagen. Er hat mit elektronischen Sounds experimentiert und Instrumentalmusik herausgebracht – das Musikarchiv Discogs verzeichnet 26 Plattenbeteiligungen.

Einen Schritt ist er aber spät gegangen. Erst jüngst hat sich Ben Fox Smith dazu entschlossen, Musik unter seinem eigenen Namen zu veröffentlichen. „Ich habe mich damit nie wohlgefühlt. Als Solokünstler ist es nicht einfach, interessant zu sein.“ Nick Drake, Elliot Smith, John Lennon – diese Künstler seien nun mal alle sooo viel besser als er.

Die Regularien des Business kümmern Smith nicht

Während ihn die Qualität seiner Songs umtreibt, kümmern ihn die Regularien des Business oder die Vermarktbarkeit seiner Musik nicht. Klicks, Likes, Reichweite – das alles scheint ihn nicht sonderlich zu interessieren. Mit Analytics sollte ein Musiker seiner Meinung nach nichts zu tun haben. Er könne sich auch nicht vorstellen, auf einem YouTube-Kanal als Person dauerpräsent zu sein. Das bedeutet? „I wanna make myself happy”, erklärt er lächelnd.

Seine Platten nimmt Ben heute oft auch in seinem kleinen Musikzimmer auf. Er möge Lofi-Sounds. Die Kammer mutet rumpelig an. Alte Gitarren hängen an der Wand, ein Bass, Synthesizer … mit augenzwinkerndem Stolz zieht er ein Keyboard unter dem Tisch hervor. Auch die weiße Fender Mustang („from my Nirvana days“) ist noch in seinem Besitz. „Wenn ich eine neue Gitarre haben will, muss ich eine alte ausrangieren“, sagt er. Ob aus Platzgründen oder Prinzip? Er verrät es nicht.

Seine Musik stellt Ben Fox Smith heute auf Bandcamp; er hat auch einige Songs auf Soundcloud hochgeladen und einen kleinen YouTube-Kanal mit selbst produzierten Videos. Er hat dafür ein eigenes kleines Label gegründet: YSB Record. Hierüber veröffentlicht er seine eigene Musik und die von Musik von Freunden, die, so sagt er schmunzelnd, noch fauler seien als er selbst.

Info: Die Videoversion des Interviews steht auf der YouTube-Seite unseres Autors Jens Krüger bereit.

(Beitragsbild: Ben Fox Smith, Pressefoto)

Unterstützen Sie Sounds & Books

Auch hinter einem Online-Magazin steckt journalistische Arbeit. Diese bieten wir bei Sounds & Books nach wie vor kostenfrei an.
Um den Zustand zukünftig ebenfalls gewährleisten zu können, bitten wir unsere Leserinnen und Leser um finanzielle Unterstützung.

Wenn Sie unsere Artikel gerne lesen, würden wir uns über einen regelmäßigen Beitrag sehr freuen.

Spenden Sie direkt über PayPal oder via Überweisung.

Herzlichen Dank!

Kommentar schreiben